Gustav Falke


  • Sommer

    Ihr singt von schönen Frühlingstagen,

    Von Blütenduft und Sonnenschein,

    Ich will nichts nach dem Frühling fragen,

    Nein Sommer, Sommer muss es sein.


    Wo alles drängt und sich bereite

    Auf einen goldnen Erntetag,

    Wo jede Frucht sich schwellt und weitet

    Und schenkt, was Süsses in ihr lag.


    Auch ich bin eine herbe, harte,

    Bin eine Frucht, die langsam reift.

    O Glut des Sommers, komm! Ich warte,

    Dass mich dein heisser Atem streift.

  • Das Birkenbäumchen


    Ich weiß den Tag, es war wie heute,

    ein erste Maitag, weich und mild,

    und die erwachten Augen freute

    das übersonnte Morgenbild.


    Der frohe Blick lief hin und wieder,

    wie sammelt er die Schätze bloß?

    So pflückt ein Kind im auf und nieder

    sich seine Blumen in den Schoß.


    Da sah ich dicht am Wegesaume

    ein Birkenbäumchen einsam stehn,

    rührend im ersten Frühlingsflaume.

    Konnt' nicht daran vorübergehn.


    In seinem Schatten stand ich lange,

    hielt seinen schlanken Stamm umfaßt

    und legte leise meine Wange

    an seinen kühlen Silberbast.


    Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte

    im zarten Laub wie Schmeichelhand.

    Ein Zittern lief herab, als fühlte

    das Bäumchen, daß es Liebe fand.


    Und war vorher die Sehnsucht rege,

    hier war sie still, in sich erfüllt;

    es war, als hätte hier am Wege

    sich eine Seele mir enthüllt.

  • Ein Tageslauf


    Sitz' ich sinnend, Haupt in Hand gestützt:

    Schöner Tag, hab' ich dich recht genützt?


    Einen Kuß auf meines Weibes Mund,

    Liebesgruß in früher Morgenstund'.


    Sorg' ums Brot in treuer Tätigkeit,

    offnes Wort in scharfem Männerstreit.


    Einen guten Becher froh geleert,

    kräftig einem argen Wunsch gewehrt.


    Leuchtend kommt aus ewigem Sternenraum

    noch zuletzt ein seliger Dichtertraum.


    Sinnend sitz' ich, Haupt in Hand gestützt:

    Schöner Tag, ich hab' dich ausgenützt.

  • Das Leben lebt

    Ich höre einer Flöte süßen Klang

    von irgendwo aus offnem Fenster her.

    Sie singt von Frieden einen Sommersang,

    von reifen Blumen und von Früchten schwer,

    von frohen Herzen, seligem Genuß,

    Umarmung, Freundschaft, Leidenschaft und Kuß.


    Schweig, Flöte, schweig, dies ist nicht Friedenszeit.

    Die Welt zerfleischt sich, Ströme Blutes fließen.

    Die ganze Erde flammt, ein Grauses schreit

    und schreit und schreit, es hilft kein Ohrenschließen.

    So schreit Entsetzen rings. Du aber singst,

    als ob du unter heitern Sternen gingst.


    Von irgendwo klingt diese Flöte her,

    singt unbekümmert ihren süßen Sang.

    Das Herz, von ungeweinten Tränen schwer,

    wehrt doch umsonst dem holden Schmeichelklang.

    Der Flöte zürnen? Ach, ich kann es nicht.

    Sie singt so süß, und Hören wird zur Pflicht.


    So singe, Flöte, singe, unbewegt

    von Not und Tod und allem Graus der Zeit.

    Du singst das Leben, und wie Sonne legt

    dein süßes Lied sich auf die Traurigkeit

    der Seele, daß sie leis die Flügel hebt:

    Getrost, was weinst du noch? Das Leben lebt.

  • September

    Der Dornbusch prangt im Schmuck der roten Beeren,

    Die Dahlien in ihrer bunten Pracht,

    Und Sonnenblumen mit den Strahlenspeere

    Stehn stolz wie goldne Ritter auf der Wacht.


    Die Wespe nascht um gelbe Butterbirnen,

    Die Äpfel leuchten rot im Laub und glühn

    Den Wangen gleich der muntren Bauerdirnen,

    Die sich im Klee mit ihren Sicheln mühn.


    Noch hauchen Rosen ihre süßen Düfte,

    Und freuen Falter sich im Sonnenschein,

    Und schießen Schwalben durch die lauen Lüfte,

    Als könnt des Sommerspiels kein Ende sein.


    Nur ab und an, kaum daß der Wind die Äste

    Des Baumes rührt, löst leise sich ein Blatt,

    Wie sich ein stiller Gast vom späten Feste

    Heimlich nach Hause stiehlt, müde und satt.

  • Der schlafende Wind

    Über die verhüllten Abendhügel

    Steigen schon die ersten Sterne her,

    Einmal rührt der Wind noch seine Flügel,

    Alles schweigt und träumt, nun träumt auch er.


    Auf den Rosen ist er eingeschlafen,

    Träumt von einem schönen Wandertag.

    Ach, wie lieblich sich's in solchem Hafen

    Nach der langen Reise schlafen mag.


    In der Frühe, welche süßen Düfte

    Haften noch an seinem Schwingenpaar.

    Neiderfüllt erzittern alle Lüfte,

    Hören sie, wo er zur Nacht heut war.


    Und die Mädchen, die vor Thür und Thoren

    Halbverschlafen in die Sonne sehn,

    Strecken sich und fragen traumverloren:

    Wo doch nur die vielen Rosen stehn?

  • Gesang am Morgen

    Der ganze Himmel glüht

    In hellen Morgenrosen;

    Mit einem letzten, losen

    Traum noch im Gemüt,

    Trinken meine Augen diesen Schein,

    Wach und wacher, wie Genesungswein.

    Und nun kommt von jenen Rosenhügeln

    Glanz des Tags und Wehn von seinen Flügeln,

    Kommt er selbst. Und alter Liebe voll,

    Daß ich ganz an ihm genesen soll,

    Gram der Nacht und was sich sacht verlor,

    Ruft er mich an seine Brust empor.

    Und die Wälder und die Felder klingen,

    Und die Gärten heben an zu singen,

    Fern und dumpf rauscht das erwachte Meer.

    Segel seh ich in die Sonnenweiten,

    Weiße Segel, frischen Windes, gleiten,

    Stille, goldne Wolken obenher.

    Und im Blauen, sind es Wanderflüge?

    Schweig o Seele! Hast du kein Genüge?

    Sieh, ein Königreich hat dir der Tag verliehn.

    Auf! und preise ihn!

  • Das Märchenbeet

    Die gelben Schwarzwurzblüten ragen hoch

    Und streuen durch die stille Mittagsluft

    Den leisen, lieblichen Vanillenduft.


    Zwei kleine blaue Falter wiegen sich

    Auf diesen süßen Wellen wie verhext

    Um einen Kelchstern, der am höchsten wächst.


    Ganz abseits, einsam liegt das gelbe Beet,

    Ein träumend Märcheneiland. Nur die Nacht,

    Der stumme Mond sehn es einmal erwacht:


    Da drehen weiße Fräulein, ziergekrönt,

    Im Schleier ihrer schwarzen Haare sich

    In strengem Tanze, fremd und feierlich.


    Und in der Mitte ein verliebtes Paar

    Verirrter Ritter trägt der Königin

    Die dunkle Schleppe mit verstörtem Sinn.

  • Die gelben Margeriten

    Drei gelbe Margeriten

    In meinem grünen Glas

    Nicken von schlanken Stengeln,

    Eine Sense hör ich dengeln,

    Ihr gelben Margeriten

    In meinem grünen Glas.


    Die lauen Lüfte wehen,

    In Sonne liegt das Feld,

    Die Ähren alle biegen

    Und beugen sich und wiegen

    Sich wie die Lüfte wehen,

    In Sonne liegt das Feld.


    Die Ähren und die Halme,

    Die Blumen und das Gras,

    Sie können nicht immer prangen,

    Vergehen heißt's, vergangen!

    Die Ähren und die Halme,

    Die Blumen und das Gras.


    Die zarten Sterne aber,

    Die mir die Liebste gab,

    Leuchten über den schmalen

    Rand herüber und prahlen,

    Die zarten feinen Sterne,

    Die mir die Liebste gab.


    Die gelben Margeriten

    In meinem grünen Glas,

    Da ist der ganze helle

    Lachende Sommer zur Stelle:

    Drei gelbe Margeriten

    In meinem grünen Glas.

  • Kurzes Gewitter

    Der Tag, ein Jüngling, schlank und braun,

    Lehnte an meinem Gartenzaun.

    Da kam ein Wetter schnell herbei,

    Schlug aus der Hand ihm die Schalmei,

    Fuhr hart ihn an mit Blitz und Krach:

    Laß doch den Sonntagssingsang nach!

    Und zauste Haar ihm, Kranz und Kleid.

    Der arme Junge tat mir leid.

    Doch pudelnaß noch, lachte schon

    Der überraschte Sonnensohn.

    Weit hinten schwamm der schwarze Graus;

    Er schüttelte die Locken aus

    Und pfiff, als ob er nichts erlitt,

    Und alle Vögel pfiffen mit.

  • Der Träumer

    Ich, Du und die mich schelten,

    Sind Blüten an Einem Baum,

    Gott und die rollenden Welten,

    Wir alle sind Ein Traum.


    Ihr scheltet meine Träume,

    Wenn auch mit mildem Wort,

    Daß ich das Hier versäume

    Um ein erdichtetes Dort.


    Wohl bleib ich fern den Thoren,

    Was auch ihr Thun beginnt,

    Die da nach Quellen bohren,

    Wo keine Quelle rinnt.


    Ich suche mir das Wasser,

    Dessen meine Seele bedarf,

    Den Quell, in den kein Hasser,

    Kein Neidling Steine warf.


    Und meine Eimer steigen

    Hinab, herauf in Ruh,

    Die Tiefe wird mein Eigen,

    Leben fließt Leben zu.


    Und wenn es steigt und flutet

    Und füllt die Seele ganz,

    Und auf der Fülle glutet

    Von Oben her ein Glanz -


    Da hebt von selbst zu tönen

    Die volle Tiefe an,

    Das laß ich mir nicht höhnen,

    Meine Seligkeit hängt daran.


    Wollt ihr um andres schmälen,

    Da lächle ich nur still,

    Mag jeder sein Rößlein wählen

    Und reiten wie er will.


    Sitz er nur fest im Bügel

    Und wisse, wohin es geht:

    Nach einem kleinen Hügel,

    Darüber Vergessen weht.


    Genug, wenn eine Platte

    Mit einem Sprüchlein d'rin,

    Das Grab mir deckt: Er hatte

    Ein Herz und gab es hin.

  • Der Blick

    So sah ich es: Ein feiner Knabe stand

    im Herrenpark und träumte durch das Tor.

    Die dunklen Augen, wie im Trauerflor,

    wankten gleich Bettlern in das weite Land.


    So hört' ich es: Der stolze Knabe fing

    auf stiller Heide sich ein heimlich Glück -

    und kehrte in sein goldnes Schloß zurück:

    Die Schäferstochter trägt den Grafenring.


    So weiß ich es: Wenn dieser Knabe stirbt,

    ein alter Mann in vieler Enkel Kreis,

    hat einen letzten Blick noch dieser Greis,

    der um ein ungelöstes Rätsel wirbt,


    gleich jenem Knabenblick, der sich durchs Tor

    des Parkes in die Leere einst verlor.

  • Der neidische Tag

    Es läßt der Tag aus müder Hand

    Die letzten blassen Rosen fallen

    Und lauscht noch einmal, rückgewandt,

    Dem lautern Lied der Nachtigallen.


    Die haben im versteckten Hain

    Schon seine Schwester froh empfangen,

    Die sanfte Nacht; sie stillt allein

    Der Liebe zärtliches Verlangen.


    Er neidets ihr und achtets nicht,

    Das zwitschernd aus den blauen Räumen

    Noch eine Lerche fällt, um dicht

    Ins Korn geschmiegt von ihm zu träumen.

  • Der Angler

    Des Himmels blasse Bläue, leicht betupft

    Mit Wolken, die geballter Watte gleichen,

    Und kleinsten, die wie weiße Dunen leicht

    Mit einem höhern Wind ins Weite streichen:


    Bequem vor meine Füße hat der Teich,

    Der mittagsstille, mir dies Bild gebreitet,

    Durch das, ein wunderliches Himmelswild,

    Ein blankes Fischlein wie ein Vogel gleitet.


    Ganz zaghaft werf ich meine Angel aus.

    Was wird sich heut an meinem Haken reißen?

    Ein Fisch? Ein Vogel? Oder wird gar ein

    Genäschig Englein auf den Köder beißen?


    Schon hat es angebissen, zuckt die Schnur.

    Welch seltner Fang wird zappelnd nun erscheinen?

    Ach, nur ein simpler Barsch! Und trägt nicht mal

    Ein Märchenkrönlein, wie man sollte meinen.


  • König Sommer


    Nun fallen leise die Blüten ab,

    Und die jungen Früchte schwellen.

    Lächelnd steigt der Frühling ins Grab

    Und tritt dem Sommer die Herrschaft ab,

    Dem starken, braunen Gesellen.


    König Sommer bereist sein Land

    Bis an die fernsten Grenzen,

    Die Ähren küssen ihm das Gewand,

    Er segnet sie alle mit reicher Hand,

    Wie stolz sie nun stehen und glänzen.


    Es ist eine Pracht unterm neuen Herrn,

    Ein sattes Genügen, Genießen,

    Und jedes fühlt sich im innersten Kern

    So reich und tüchtig. Der Tod ist so fern,

    Und des Lebens Quellen fließen.


    König Sommer auf rotem Roß

    Hält auf der Mittagsheide,

    Müdigkeit ihn überfloß,

    Er träumt von einem weißen Schloß

    Und einem König in weißem Kleide.

  • Schweigen

    Nun um mich her die Schatten steigen,

    Stellst du dich ein, willkommnes Schweigen,

    Du, aller tiefsten Sehnsucht wert.

    Sehr hab ich unter Lärm und Last

    Des Tags nach dir, du scheuer Gast,

    Wie einem lieben Freund begehrt.


    Das wirre Leben ist verklungen,

    In Höhen ging und Niederungen

    Längst jeder laute Schall zur Ruh.

    Urstimmen, die der Tag verschlang,

    Erklingen, mystischer Gesang –

    Ja, süßes Schweigen, rede du.


    Was über deinen stillen Mund

    Aus einem rätseltiefen Grund

    Mit leisem Murmeln quillt herauf,

    Ich halte zitternd meine Schalen

    Und fang die feinen Silberstrahlen

    Verborgner Quellen selig auf.

  • Nachts in der träumenden Stille

    Nachts in der träumenden Stille

    Kommen Gedanken gegangen,

    Nachts in der träumenden Stille

    Atmet, zittert ein Bangen,

    Nachts in der träumenden Stille,

    Ratlose quälende Fragen.

    Weit über alles Sagen

    Kommen Gedanken gegangen,

    Atmet, zittert ein Bangen

    Nachts in der träumenden Stille.


  • Was will ich mehr!


    Noch halt mit beiden Händen ich

    Des Lebens schöne Schale fest,

    Noch trink und kann nicht enden ich

    Und denk nicht an den letzten Rest.


    »Doch einmal wird die Schale leer,

    Die letzte Neige schlürftest du.«

    So trank ich doch, was will ich mehr,

    Dem Tod ein volles Leben zu.

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