Ernst Moritz Arndt

  • Freude

    1797

    Freundlich leuchten die Sonne, Mond und Sterne,
    Freundlich schimmert das Blumenkleid der Erde,
    Mächtig brauset das Meer mit seinen Wellen
    Furchtbar und lieblich.

    Droben kreiset in Sonnenglut der Adler,

    Drunten sumset der Käfer und die Biene,

    Aus den Büschen klingen der Nachtigallen

    Zärtliche Lieder.


    Ja du bist schön und golden, Mutter Erde,

    Schön in deinen rosigen Abendlocken,

    Duftig in deines Erwachens Silberschimmer,

    Bräutlich und züchtig.


    Lustig hüpfest du hin im Weltentanze,

    Alle deine Kinder am warmen Herzen,

    Wandelst freudig dahin in deiner Sonne

    Funkelndem Reigen.


    Lustig sei und leuchtend des Menschen Stirne!

    Nur dem Fröhlichen blüht der Baum des Lebens,

    Dem Unschuldigen rinnt der Born der Jugend

    Auch noch im Alter.

  • Frühlingslied

    1802

    Wann das Veilchen blüht und der Kuckuck singt
    Und die Nachtigall flötet im Busch,
    Wann die Jugend munter zum Reigen springt
    Und es rauscht durch die Blätter husch! husch!
    Dann führet zum Baume, zum Quell
    Die Gesellin der frohe Gesell,
    Dann paart sich die Liebe im Busch.

    Sei willkommen, Frühling, du süßer Gast!

    Sei willkommen, du fröhlicher Mai!

    Der die Freude bringt und die Sorge haßt.

    Noch sind Leben und Jubel uns frei.

    Auf, liebliches Mädchen, zum Tanz!

    Weil dir blühet der liebliche Kranz

    Der Jugend, ein fröhlicher Mai.


    Wann der Winter schneit und das Alter friert,

    Dann du wünschest und weinest umsonst;

    Wer die Blume pflückt, die den Frühling ziert,

    Der verstehet die glücklichste Kunst.

    Süß Liebchen, wir kommen zur Stell' –

    Wie dir glänzen die Äugelein hell!

    Frau Luna, ihr Sternlein mit Gunst.

  • Frühlingstraum


    Ging ich aus ins Frühlingstal,

    Wollte Blüten fangen,

    Blumenlust und Sonnenstrahl,

    Alt und jung Verlangen.


    Altes, wieder grün und kraus,

    Webte frische Ranken,

    Junges in die Welt hinaus

    Schneller als Gedanken.


    Aber weh! Der Himmel zog

    Dunkel sich zusammen,

    Und ein Donnersturmwind flog

    Her mit Blitzesflammen:


    Wald und Feld und Au und Tal

    Ringsumher zerzauset,

    Und der Lerch' und Nachtigall

    Jeder Ton vergrauset.


    Nur vom Stumpf und Dornbusch krächzt

    Kräh' mir und Neuntöter,

    Und aus Turmgetrümmer ächzt

    Kauz, der Schwerenöter.


    Und der ganze Frühlingstraum

    Hinnen wie geschwinde!

    In den öden, weiten Raum,

    Weg in alle Winde!


    Lenzesbild, du Lebensbild –

    Fliege mit, o Wandrer,

    Was dir heut verwelkt, verquillt,

    Morgen fängt's ein andrer.

  • Himmelfahrt


    Wie prangt im Frühlingskleide

    Die grüne, bunte Welt!

    Und hat in Wald und Heide

    Musik und Lust bestellt:

    Wie klingt und spielt der Scherz

    In Büschen rings und Bäumen

    Von Edens Blumenträumen

    Den Klang in jedes Herz!


    Hinaus denn, meine Seele!

    In voller Lust hinaus!

    Verkünde, ruf, erzähle

    Und kling und sing es aus!

    Du bist von Lerchenart,

    Nach oben will dein Leben:

    Laß fliegen, klingen und schweben

    Die süße Himmelfahrt.


    Auf! lüfte deine Schwingen

    Zum frohen Heimatort!

    Dein Trachten, Sehnen, Ringen,

    Dein Weg, dein Lauf ist dort —

    O flieg aus diesem Glanz

    Der bunten Erdenlenze

    Ins Land der ew’gen Kränze!

    Dort ist dein Ziel, dein Kranz.

  • Der alte Baum und ich


    Alt und dürre steht der Baum

    Ohne Zweig und ohne Blatt.

    Schau doch, wie ein Frühlingstraum

    Ihn so bunt umschlungen hat!

    Hier Jelängerundjelieber,

    Dort des Epheus grüner Glanz,

    Und so deucht es ihm fast lieber

    Als der eignen Blätter Kranz.


    Solch ein dürrer Baum steh' ich,

    Hoffend legten Wind und Fall,

    Aber Blumen blühn um mich

    Lieb und lustig überall,

    Schlingen um zerrissne Schmerzen

    Meines Stammes Lenzeslust,

    O ihr Blüten, o ihr Herzen!

    Liebesduft! und Liebeslust!


    Altes Holz, so steh' getrost,

    Bis der letzte Wind dich fällt!

    Hast ein selig Los erlost,

    Reiches Glück in armer Welt:

    Süßer Liebe Blumenranken

    Decken deine Schäden zu,

    Wie ein Traum von Traumgedanken

    Ferner Tage stehest du.

  • Das Glück, das glatt und schlüpfrig rollt,
    tauscht in Sekunden seine Pfade,
    ist heute mir, dir morgen hold
    und treibt die Narren rund im Rade.


    Laß fliehn, was sich nicht halten läßt,
    den leichten Schmetterling laß schweben,
    und halte dich nur selber fest;
    Du hältst das Schicksal und das Leben.

  • Einladung zum Tanz


    Das Schwert ist gefeget,

    Der Säbel ist blank,

    Der Speer ist umleget

    Mit Stahl breit und lang,

    Der Mut ist gewetzet,

    Das Herz sich erletzet

    Mit Trommeln und Pfeifen

    Im kriegrischen Klang.


    Nun her, ihr Franzosen!

    Hieher in das Feld!

    Hier tanzet auf Rosen!

    Musik ist bestellt;

    Schon klingen die Saiten

    Des Reigens von weitem;

    Versuchet, wer heute

    Den Vortanz erhält.


    Die Braut heißet Ehre,

    Sie führet den Tanz

    Und schreitet dem Heere

    Voran mit dem Kranz;

    Sie mahnet zur Rache

    Für heilige Sache

    Und hat ihn gefärbet

    Mit blutigem Glanz.


    Das Brautmädchen springet

    So tapfer daher,

    Heißt Freiheit und schwinget

    Den mächtigen Speer;

    Sie kann nicht erbleichen,

    Auf Trümmern und Leichen

    Da führt sie als Heldin

    Das vorderste Heer.


    Drum frisch, Kameraden!

    Wer greifet den Kranz?

    Seid alle geladen

    Zum Spiel und zum Tanz;

    Die Trommeln erklingen,

    Die Fahnen sich schwingen –

    Juchheisa! Juchheisa!

    Zum lustigen Tanz!

  • Die Zeiten


    Löwenzeit war,

    Fröhliche Zeit,

    Zornig und klar

    Blitzte der Streit,

    Offne Gefechte

    Dräute die Rechte,

    Sieg hatte Ehren,

    Tod hatte Zähren.

    Hin ist die Zeit.


    Tigerzeit kam,

    Wölfische Wut,

    Wut ohne Scham,

    Durstig auf Blut:

    Laurende Tücke

    Bricht die Genicke,

    Und bei Hyänen

    Schwinden die Tränen,

    Schaudert dein Mut.


    Fuchszeit ist jetzt.

    Wedelnder Schwanz

    Wirbt sich zuletzt

    Streichelnd den Kranz,

    Schmeicheln und heucheln,

    Bübeln und meucheln

    Mußt du verstehen.

    Wenn du willst stehen

    Vorderst im Tanz.


    Füchschen befiehlt,

    Lüchschen ist mit,

    Lauschet und schielt

    Weidlichem Schritt

    Edeler Hirsche,

    Das es sie pirsche

    Meuchlischer Weise:

    Schleichend und leise

    Biegt es den Tritt.


    Äffchen auch scherzt

    Spielend darein,

    Wenn es dich herzt,

    Trau nicht dem Schein;

    Schlängelein schillert,

    Lispelt und trillert

    Liebesgesäusel —

    Weh! sein Gekreisel

    Mord kreist es ein.


    Löwenzeit war,

    Fröhliche Zeit.

    Ist es denn wahr?

    Steht uns der Streit

    Nun nur mit Füchsen,

    Affen und Lüchsen,

    Ottern und Schlangen?

    Alles vergangen ?

    Alles entweiht?


    Weh mir der Pein,

    Die mich durchbohrt!

    Siehe du drein,

    Mächtiger Hort!

    Wecke die Starken,

    Das uns die Marken

    Blühender Erden

    Hölle nicht werden!

    Halte dein Wort!


    Siehe du drein,

    Mächtiger Gott!

    Räche die Pein!

    Räche den Spott!

    Und sind wir alle

    Fertig zum Falle,

    Ende die Posse!

    Nimm die Geschosse!

    Nimm uns, o Gott!

  • Allein


    Ich bin allein, in weiter Welt allein,

    All meine Sterne schlossen ihren Himmel,

    Im dichten Menschenstrudel ganz allein,

    Allein im bunten, wilden Erdgewimmel –

    Allein? Wie furchtbar tönst du, Schreckenswort!

    Zum Ozean des Nichts wie treibst du fort!


    Allein! So schloß sich schwarz der Himmel zu,

    Der meine jungen Tage einst umglänzte?

    So flüchtig, süße Freude, warest du,

    Die meinen Frühling einst mit Rosen kränzte?

    Allein? Allein? O gräßlich düstres Wort!

    Einsam der Mensch und ohne Heim und Ort?


    Einsam der Mensch? Du faselst, dunkler Tor –

    Lockt nicht die Sonne mit den alten Strahlen?

    Lockt nicht die Wiese mit dem Blumenflor,

    Ein zweites Eden vor dir hinzumalen?

    Spricht Gott nicht in dem Stein und Gras und Strauch,

    Im Sternenschimmer und im Blütenhauch?


    Spricht Gott in dir nicht? Ja, wenn Kerkernacht

    Im Moder fern von Sonn' und Mond dich hielte,

    Und wenn des Satans schärfste Höllenmacht

    Mit allen Zweifelsschüssen auf dich zielte,

    Wo Gott und Liebe spricht, wie könnt' es sein?

    Mit Gott und Liebe bleibt kein Mensch allein.


    Mit Gott und Liebe – o das Freudenwort!

    Gleich fliegen her die Myriaden Geister

    Und jagen alle düstern Spuke fort

    Und werden aller bösen Träume Meister,

    Und fröhlich tagt's wie junger Morgenschein:

    Mit Gott und Liebe bleibt kein Mensch allein.


    O Gott und Liebe! O du Liebesheld!

    Du Stiller alles Jammers, aller Klagen!

    Du Helfer und Befreier aller Welt,

    Der auch für mich den Dornenkranz getragen –

    Bescheinst du mich, du höchster Liebesschein,

    Ist alle Erde, aller Himmel mein.

  • Lebensmut


    Tummle dich, mein junges Leben,

    Vorwärts gleich dem schnellen Renner!

    Mußt nicht vor dem Staube beben

    In dem heißen Kampf der Männer,

    Mußt nicht vor den Stürmen zittern,

    Die die Starken niederschmeißen,

    Eichen aus den Felsen splittern,

    Und die Felsen selbst zerreißen.


    Frisch hinein! wo Tausend fallen,

    Können Zehnmaltausend stehen,

    Siegeslieder lustig schallen,

    Wo sich Gräber schwarz erhöhen;

    Die zu Bergen klimmen, brechen

    Leicht die himmelkühnen Häupter,

    Wohnt der Mensch auf grünen Flächen,

    In der Flut der Ströme bleibt er.


    Was die heil'gen Drei, die schwarzen

    Schwestern, unvermeidlich weben,

    Das Gesetz der strengen Parzen

    Schlinget sich um jedes Leben:

    Was wir streben, was wir wollen,

    Hält die tiefe Macht gefangen,

    Heimarmenens Donner rollen,

    Zischend sprühn Erinnys' Schlangen.


    Kränze deiner Jugend Locken

    Mit den schönsten Maienblüten,

    Bis des Winters kalte Flocken

    Um die kahlen Scheitel wüten;

    Tapfer mußt du stehn und fallen,

    Klanglos ist der Tod der Matten,

    Doch die Heldenseelen wallen

    Herrlich in das Reich der Schatten.

  • Lügenmärchen


    Ich will euch erzählen und will auch nicht lügen:

    Ich sah zwei gebratene Ochsen fliegen,

    sie flogen gar ferne-

    sie hatten den Rücken gen Himmel gekehrt,

    die Füße wohl gegen die Sterne.


    Ein Amboss und ein Mühlenstein,

    die schwammen bei Köln wohl über den Rhein,

    sie schwammen gar leise-

    ein Frosch verschlang sie alle beid'

    zu Pfingsten wohl auf dem Eise


    Es wollten vier einen Hasen fangen,

    sie kamen auf Stelzen und Krücken gegangen,

    der erste konnte nicht sehen,

    der zweite war stumm, der dritte war taub,

    der vierte konnte nicht gehen.


    Nun denkt sich einer, wie dieses geschah:

    Als nun der Blinde den Hasen sah

    auf grüner Wiese grasen,

    da rief es der Stumme dem Tauben zu,

    und der Lahme erhaschte den Hasen.


    Es fuhr ein Schiff auf trockenem Land,

    es hatte die Segel gen Wind gespannt

    und segelt' im vollen Laufen –

    da stieß es an einen hohen Berg,

    da tät das Schiff ersaufen.


    In Straßburg stand ein hoher Turm,

    der trotzte Regen, Wind und Sturm

    und stand fest über die Maßen,

    den hat der Kuhhirt mit seinem Horn

    eines Morgens umgeblasen.


    Ein altes Weib auf dem Rücken lag,

    sein Maul wohl hundert Klaftern weit auftat,

    's ist wahr und nicht erlogen,

    drin hat der Storch fünfhundert Jahr

    seine Jungen großgezogen.


    So will ich hiermit mein Liedlein beschließen,

    und sollt's auch die werte Gesellschaft verdrießen,

    will trinken und nicht mehr lügen:

    bei mir zu Land sind die Mücken so groß,

    als hier die größesten Ziegen.

  • Willkommen


    Willkommen, Freund, am deutschen Strand!

    Willkommen unter deutschen Eichen!

    Willkommen! Laß uns Herz und Hand

    Zum alten Bunde fröhlich reichen!


    Willkommen! Süßer Freudenklang,

    Du braustest einst an Mälarns Strande,

    Sirenen tönten drein Gesang,

    Und Nymphen schwammen froh zum Lande;


    Die Ulmen tanzten mit uns rund,

    Und alle Lüfte spielten Geigen,

    Das ganze blaue Sternenrund

    Beriefen wir zu Freudenzeugen.


    O süße Zeit, wo flohst du hin?

    Wer sitzet heut an jenen Wellen?

    Wem schattet jetzt der Ulmen Grün,

    Wann Sommersonnen Pfeile schnellen?


    Wen ladet jetzt der Birkenhain,

    Der grauen Eichen dunkles Rauschen

    Zu süßen Phantasien ein,

    Wann Geister durch die Schatten lauschen?


    O rinnet nur, ihr Tränen, rinnt!

    Die Geister ziehen mit den Seelen,

    Und da, wo keine Herzen sind,

    Weiß die Natur nichts zu erzählen.


    So komm und weihe durch dein Herz

    Die fremde Flur zum Vaterlande!

    In Leid und Freud', in Lust und Schmerz

    Wir halten fest die alten Bande.


    Es drehet Zeit und Welt sich um,

    Die Menschen und die Sterne wandern;

    Hier blüht uns kein Elysium,

    Glück rollt von einem zu dem andern.


    Nur eines steht ein Felsenberg,

    Der nie von seiner Stätte rücket,

    Das Herz, das nimmer überzwerch

    Vom graden Pfad der Ehre blicket.


    Das bleibt der ewig feste Pol,

    Worum die kleinen Dinge rollen:

    Es wanket alles leicht und hohl,

    Steht nicht auf festem Grund dein Wollen.


    Das Glück, das glatt und schlüpfrig rollt,

    Tauscht in Sekunden seine Pfade,

    Ist heute mir, dir morgen hold

    Und treibt die Narren rund im Rade.


    Laß fliehn, was sich nicht halten läßt,

    Den leichten Schmetterling laß schweben

    Und halte nur dich selber fest:

    Du hältst das Schicksal und das Leben.


    Willkommen denn zum Neuen Jahr!

    Laß uns die Blicke fröhlich heben!

    Die Freundschaft lebe treu und wahr!

    Die Freiheit soll am höchsten leben!


    Die Freiheit ist der Seelen Stahl

    Und ritterliche Wehr der Braven,

    Die Freien trägt der Sternensaal,

    Der Teufel herrschet über Sklaven.


    Ein freies Wort, ein freier Mann

    Ist hoher Klang für Engelohren:

    Wer solchen Klang nicht fühlen kann,

    Dem ging der Himmel schon verloren.


    Frischaus, den großen Wunsch und Klang!

    Der ganzen Hölle Trotz geboten!

    Dem feigen Laster Untergang

    Und allen Teufeln und Despoten!


    Willst du nur sehen, was heut ist,

    Du siehst, soweit die Sonnenpferde

    Rundwandeln, Lug und Hinterlist

    Und Knechte grasen auf der Erde.


    Sieh weiter, Freund! Uns wird noch schön

    Der Menschheit Morgen wieder dämmern,

    Die Freiheit kann nicht untergehn,

    Solange Schmiede Eisen hämmern.


    Drum Eisen lebe mehr als Gold!

    Und Eisenmänner sollen leben,

    Die, wie Fortunens Kugel rollt,

    Nicht auch sich senken oder heben!

  • Neu erstellte Beiträge unterliegen der Moderation und werden erst sichtbar, wenn sie durch einen Moderator geprüft und freigeschaltet wurden.

    Die letzte Antwort auf dieses Thema liegt mehr als 90 Tage zurück. Das Thema ist womöglich bereits veraltet. Bitte erstellen Sie ggf. ein neues Thema.