Friedrich Wilhelm Nietzsche


  • Manuskript des Mitternachtslied

    O Mensch! Gib acht!

    Was spricht die tiefe Mitternacht?

    "Ich schlief, ich schlief-,

    Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-

    Die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht.

    Tief ist ihr Weh-

    Lust, tiefer noch als Herzeleid:

    Weh spricht:Vergeh!

    Doch alle Lust will Ewigkeit-,

    Will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

  • Alt Mütterlein


    In Sonnenglut, in Mittagsruh

    Liegt stumm das Hospital;

    Es sitzt ein altes Mütterlein,

    Am Fenster bleich und fahl.


    Ihr Aug′ ist trüb, ihr Haar schneeweiß,

    Ihr Mieder rein und schlicht,

    Sie freut sich wohl und lächelt still,

    Im warmen Sonnenlicht.


    Am Fenster blüht ein Rosenstock

    Viel Bienlein rings herum,

    Stört denn die stille Alte nicht

    Das emsige Gesumm?


    Sie schaut in all′ die Sonnenlust

    So selig stumm hinein:

    Noch schöner wird′s im Himmel sein,

    Du liebes Mütterlein!


    Friedrich Nietzsche

    (* 15.10.1844, † 25.08.1900)

  • Bitte


    Ich kenne mancher Menschen Sinn

    Und weiß nicht, wer ich selber bin!

    Mein Auge ist mir viel zu nah -

    Ich bin nicht, was ich seh und sah.

    Ich wollte mir schon besser nützen,

    Könnt ich mir selber ferner sitzen.

    Zwar nicht so ferne wie mein Feind!

    Zu fern sitzt schon der nächste Freund -

    Doch zwischen dem und mir die Mitte!

    Erratet ihr, um was ich bitte?

  • Baum im Herbste


    Was habt ihr plumpen Tölpel mich gerüttelt

    Als ich in seliger Blindheit stand:

    Nie hat ein Schreck grausamer mich geschüttelt

    -- Mein Traum, mein goldner Traum entschwand!


    Nashörner ihr mit Elephanten-Rüsseln

    Macht man nicht höflich erst: Klopf! Klopf?

    Vor Schrecken warf ich euch die Schüsseln

    Goldreifer Früchte -- an den Kopf.


  • Lieder

    Es ist der Wind um Mitternacht,
    der leise an mein Fenster klopft.
    Es ist der Regenschauer sacht,
    der leis an meiner Kammer tropft.

    Es ist der Traum von meinem Glück,
    der durch mein Herz streift wie der Wind.
    Es ist der Hauch von deinem Blick,
    der durch mein Herz schweift regenlind.


  • Vereinsamt

    Die Krähen schrein
    und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
    bald wird es schnein, -
    wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

    Nun stehst du starr,
    schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
    Was bist du Narr
    vor Winters in die Welt entflohn?

    Die Welt - ein Tor
    zu tausend Wüsten stumm und kalt!
    Wer das verlor,
    was du verlorst, macht nirgends Halt.

    Nun stehst du bleich,
    zur Winter-Wanderschaft verflucht,
    dem Rauche gleich,
    der stets nach kältern Himmeln sucht.

    Flieg, Vogel, schnarr
    dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
    Versteck, du Narr,
    dein blutend Herz in Eis und Hohn!

    Die Krähen schrein
    und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
    bald wird es schnein, -
    weh dem, der keine Heimat hat!

  • Letzter Wille


    So sterben,

    wie ich ihn einst sterben sah -,

    den Freund, der Blitze und Blicke

    göttlich in meine dunkle Jugend warf:

    - mutwillig und tief,

    in der Schlacht ein Tänzer -,


    unter Kriegern der Heiterste,

    unter Siegern der Schwerste,

    auf seinem Schicksal ein Schicksal stehend,

    hart, nachdenklich, vordenklich -:


    erzitternd darob, dass er siegte,

    jauchzend darüber, daß er sterbend siegte -:


    befehlend, indem er starb,

    - und er befahl, dass man vernichte...


    So sterben,

    wie ich ihn einst sterben sah:

    siegend, vernichtend...


    Friedrich Nietzsche

  • Mein Herz ist im Hochland


    Mein Herz lebt im Hochland!

    Mein Herz lebt nicht hier!

    Mein Herz lebt im Hochland!

    Und jaget das Tier! Und jaget

    das Wildtier! Und folget dem

    Reh! Mein Herz lebt im Hochland

    Wohin ich auch geh!


    Leb wohl Du mein Hochland!

    Leb wohl Du mein Nord!

    Geburtsland der Helden! Der

    edelsten Hort! Die Irrfahrt des

    Lebens! Wohin sie mich auch

    trieb! Stets blieben die Berge

    des Hochlands mir lieb!


    Lebt wohl nun Ihr Berge! Mit

    Schnee hoch bedeckt! Lebt

    wohl nun Ihr Täler! So grün und

    versteckt! Lebt wohl nun Ihr

    Wälder die üppig ihr spriesst!

    Lebt wohl nun Ihr Ströme die

    rauschend Ihr fließt!


    Mein Herz lebt im Hochland!

    Mein Herz lebt nicht hier! Mein

    Herz lebt im Hochland! Und

    jaget das Tier. Und jaget das

    Wildtier! Und folget dem Reh!

    Mein Herz lebt im Hochland!

    Wohin ich auch geh!


    Robert Burns

    25.1.1759-21.7.1796



    Diese Übersetzung ist aus "Lyrik der Welt"

    Ich habe die auswendig gelernt vor 40 Jahren!

    Und ich finde es ist die beste Übersetzung, von

    diesem Gedicht! So weit ich mich richtig, an den

    Text erinnere! Aber zu 99,99% denke ich ist er

    korrekt! Klaus erinnert.

  • Venedig


    An der Brücke stand

    jüngst ich in brauner Nacht.

    Fernher kam Gesang:

    goldener Tropfen quoll′s

    über die zitternde Fläche weg.

    Gondeln, Lichter, Musik -

    trunken schwamm′s in die Dämmerung hinaus...


    Meine Seele, ein Saitenspiel,

    sang sich, unsichtbar berührt,

    heimlich ein Gondellied dazu,

    zitternd von bunter Seligkeit.

    - Hörte Jemand ihr zu?...


    Friedrich Nietzsche

    (* 15.10.1844, † 25.08.1900)

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