James Krüss

  • Das Wasser


    Vom Himmel fällt der Regen,

    und macht die Erde naß,

    die Steine auf den Wegen,

    die Blumen und das Gras.


    Die Sonne macht die Runde

    in altgewohntem Lauf

    und saugt mit ihrem Munde

    das Wasser wieder auf.


    Das Wasser steigt zum Himmel

    und wallt dort hin und her,

    da gibt es ein Gewimmel

    von Wolken grau und schwer.


    Die Wolken werden nasser

    und brechen auseinander

    und wieder fällt das Wasser

    als Regen auf das Land.


    Der Regen fällt ins Freie

    und wieder saugt das Licht.

    Die Wolke wächst aufs neue

    bis daß sie wieder bricht.


    So geht des Wassers Weise:

    es fällt, es steigt, es sinkt

    in ewig gleichem Kreise

    und alles alles trinkt.

  • Wenn die Möpse Schnäpse trinken


    Wenn die Möpse Schnäpse trinken,
    Wenn vorm Spiegel Igel stehn,
    Wenn vor Föhren Bären winken,
    Wenn die Ochsen boxen gehen,


    Wenn im Schlafe Schafe blöken,
    Wenn im Tal ein Wal erscheint,
    Wenn in Wecken Schnecken stecken,
    Wenn die Meise leise weint,


    Wenn Giraffen Affen fangen,
    Wenn ein Mäuslein Läuslein wiegt,
    Wenn an Stangen Schlangen hangen,
    Wenn der Bieber Fieber kriegt,


    Dann entsteht zwar ein Gedicht,
    aber sinnvoll ist es nicht !

  • Der Garten des Herrn Ming

    Im stillen Gartenreiche
    des alten Gärtners Ming,
    da schwimmt in einem Teiche
    ein Wasserrosending

    Den alten Ming in China
    entzückt sie ungemein,
    er nennt sie Catharina
    chinesisch: Ka-Ta-Rain.

    Mit einer Pluderhose
    und sehr verliebtem Sinn
    geht er zu seiner Rose
    am Rand des Teiches hin.

    Er singt ein Lied und fächelt
    der Rose Kühlung zu.
    Die Rose aber lächelt
    nur für den Goldfisch Wu.

    Sie liebt das goldne Fischchen,
    das oft vorüberschießt
    und auf den Blättertischchen
    den Rosenduft genießt.

    Doch Wu, der Goldfischknabe,
    der lockre Bube, gibt
    ihr weder Gruß noch Gabe,
    weil er ein Hühnchenliebt.

    Er liebt Schu-Schu, das kleine
    goldrote Hühnerding.
    Jedoch Schu-Schu, die Feine
    liebt nur den Gärtner Ming.

    So liebt Herr Ming Cathrina,
    Cathrina liebt den Wu.
    Wu liebt Schu-Schu aus China,
    den Gärtner liebt Schu-Schu.

    Man liebt sich sanft und leise,
    doch keiner liebt zurück.
    Und niemand in dem Kreise
    hat in der Liebe Glück.

    Sie leben und sie warten,
    sind traurig und verliebt,
    in diesem kleinen Garten,
    von dem es viele gibt.


  • Der Apfelbaum ist aufgeblüht

    Der Apfelbaum ist aufgeblüht.
    Nun summen alle Bienen.
    Die Meise singt ein Meisenlied.
    Der Frühling ist erschienen.

    Die Sonne wärmt den Apfelbaum.
    Der Mond scheint auf ihn nieder.
    Die kleine Meise singt im Traum
    die Apfelblütenlieder.

    Die Bienen schwärmen Tag für Tag
    und naschen von den Blüten.
    Mag sie der Mai vor Hagelschlag
    und hartem Frost behüten.

    Der Apfelbaum ist aufgeblüht.
    Der Winter ist vorbei.
    Mit Blütenduft und Meisenlied
    erscheint der junge Mai.
  • Das Feuer

    Hörst du, wie die Flammen flüstern,

    knicken, knacken, krachen, knistern,

    wie das Feuer rauscht und saust,

    brodelt, brutzelt, brennt und braust?


    Siehst du, wie die Flammen lecken,

    züngeln und die Zunge blecken,

    wie das Feuer tanzt und zuckt,

    trockne Hölzer schlingt und schluckt?


    Riechst du, wie die Flammen rauchen,

    brenzlig, brutzlig, brandig schmauchen,

    wie das Feuer rot und schwarz,

    duftet, schmeckt nach Pech und Harz?


    Fühlst du, wie die Flammen schwärmen,

    Glut aushauchen, wohlig wärmen,

    wie das Feuer, flackrig-wild,

    dich in warme Wellen hüllt?


    Hörst du, wie es leiser knackt?

    Siehst du, wie es matter flackt?

    Riechst du, wie der Rauch verzieht?

    Fühlst du, wie die Wärme flieht?


    Kleiner wird der Feuerbraus:

    Ein letztes Knistern,

    ein feines Flüstern,

    ein schwaches Züngeln,

    ein dünnes Ringeln -

    aus.

  • Das Männer-ABC

    Adam war der erste Mann.
    Also fang ich mit ihm an.

    Brutus fand es gar nicht fein,
    Zweiter Mann in Rom zu sein.

    Cäsar hatte alle Macht.
    Brutus hat ihn umgebracht.

    Dickens schrieb (wie ihr wohl wisst)
    Den Roman "Oliver Twist".

    Einstein trieb Mathematik
    Und zuweilen auch Musik.

    Franklins Name stimmt uns heiter:
    Er erfand den Blitzableiter.

    Gulliver fuhr einst umher
    Zwischen Inseln fern im Meer.

    Herkules, der große Held,
    Steht des Nachts am Sternenzelt.

    Iwan aus dem Kraml war
    Russlands allerschlimster Zar.

    Jonas saß mit trübem Sinn
    In dem Bauch des Walfischs drin.

    Knigge sagt uns würdevoll,
    Wie man sich verhalten soll.

    Lohengrin kam mit dem Schwan
    Prompt zu Elsas Rettung an.

    Mozart, der berühmte Mann,
    Schrieb die Oper "Don Juan".

    Noah rettete im Boot
    Tiere vor der Wassernot.

    Onkel Tom, der Neger, ward
    Oft geschlagen, böd und hart.

    Peter Pan der Bube klein,
    Wollte nie erwachsen sein.

    Querkof nennt man einen Mann,
    Den man nicht belehren kann.

    Riesen sind auch Manner. Bloß-
    Sie sind unwahrscheinlich groß.

    Sinbad hatte ungeheuer
    Viele Meeresabenteuer.

    Tutanchamun (wie bekannt)
    Herrschte im Ägypterland.

    Urian fuhr ohne Geld
    Ganz alleine um die Welt.

    Varus starb, besiegt und alt,
    In dem Teutoburger Wald.

    Wilhelm von Oranien
    Kämpfte gegen Spanien.

    Xerxes war ein König, der
    Peitschte einst aus Zorn das Meer.

    Yankees gibt's in USA,
    Also in Amerika.

    Zeus, vergib mir (wenn es geht)
    Dieses Männer-Alphabet.

  • Spatzenjanuar

    Weiß steht der Wald, sagen die Spatzen,
    und es ist kalt, sagen die Spatzen.
    Doch Eis und Schnee, sagen die Spatzen,
    tun uns nicht weh, sagen die Spatzen.

    Im Federkleid, sagen die Spatzen,
    sind wir gefeit, sagen die Spatzen.
    Doch eins tut not, sagen die Spatzen:
    Ein bißchen Brot, sagen die Spatzen.

  • Es krokusst


    Es krokusst und es primelt

    im Garten und am Bach.

    Ein Spatzenpaar verkrümelt

    sich selig unters Dach.


    Nun wird sich alles wenden:

    Das Wetter und das Kleid.

    Es duftet allerenden

    Nach Frühlingsreinlichkeit.


    Nun reimt sich westlich-östlich

    So mancherlei auf „Lieb“,

    sogar – und das ist tröstlich –

    das kleine Wort: vergib!


    Nun küsst der Wal die Walin,

    die Nerzin küsst den Nerz,

    ein Herr küsst die Gemahlin,

    Krokusse küsst der März.

  • Der Sandmann


    Wenn es Nacht wird, wenn es Nacht wird

    und die Lampe angemacht wird,
    zieht der Sandmann durch die Stadt,
    und er trägt auf seinem Nacken
    einen riesengroßen Packen,
    wo er Träume drinnen hat.


    Und dann geht er , und dann geht er

    zur Maria und zum Peter,

    und dann streut er mit der Hand

    in die Augen dieser beiden-

    denn er mag sie gerne leiden-

    ein paar Körner weißen Sand.


    Und dann träumen, und dann träumen

    die zwei Kinder von den Bäumen,

    die im Morgenlande sind,

    von den Palmen tief im Süden,

    von den großen Pyramiden

    und vom heißen Wüstenwind.


    Und sie schlafen ,und sie schlafen.

    Doch der Sandmann geht zum Hafen,

    denn im Hafen liegt sein Boot.

    Und das Boot ist groß und prächtig.

    Und der Mast ist hoch und mächtig.

    Und die Segel, die sind rot.


    Und er gleitet, und er gleitet

    in den Himmel, der sich weitet.

    Und die Winde blasen sacht.

    Und er segelt mit den Träumen

    in den sternenhellen Räumen

    durch die große blaue Nacht.

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