Heinrich Heine

  • Leise zieht durch mein Gemüt

    Leise zieht durch mein Gemüt
    liebliches Geläute,
    klinge, kleines Frühlingslied,
    kling hinaus ins Weite.

    Zieh´ hinaus bis an das Haus,
    wo die Veilchen sprießen;
    wenn du eine Rose schaust,
    sag´, ich lass sie grüßen.

  • Die blauen Frühlingsaugen


    Die blauen Frühlingsaugen
    schauen aus dem Gras hervor;
    das sind die lieben Veilchen,
    die ich zum Strauß erkor.

    Ich pflückte sie und denke,
    und die Gedanken all',
    die mir im Herzen seufzen,
    singt laut die Nachtigall.

    Ja, was ich denke, singt sie
    laut schmetternd, daß es schallt;
    mein zärtliches Geheimnis
    weiß schon der ganze Wald.

    (von Heinrich Heine)

  • Das Fräulein stand am Meere


    Das Fräulein stand am Meere

    Und seufzte lang und bang,

    Es rührte sie so sehre
    Der Sonnenuntergang.


    Mein Fräulein! sein Sie munter,

    Das ist ein altes Stück;

    Hier vorne geht sie unter

    Und kehrt von hinten zurück.

  • Am leuchtenden Sommermorgen


    Am leuchtenden Sommermorgen
    geh ich im Garten herum.
    Es flüstern und sprechen die Blumen,
    Ich aber, ich wandle stumm.


    Es flüstern und sprechen die Blumen,
    Und schau`n mich mitleidig an:
    Sei unserer Schwester nicht böse,
    Du trauriger, blasser Mann.

  • Das Glück ist eine leichte Dirne,
    Und weilt nicht gern am selben Ort;
    Sie streicht das Haar dir von der Stirne
    Und küsst dich rasch und flattert fort.
    Frau Unglück hat im Gegenteile
    Dich liebefest ans Herz gedrückt;
    Sie sagt, sie habe keine Eile,
    Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.

  • Frühling


    Die Wellen blinken und fließen dahin -

    Es liebt sich so lieblich im Lenze!

    Am Flusse sitzt die Schäferin

    Und windet die zärtlichsten Kränze.


    Das knospet und quillt, mit duftender Lust

    Es liebt sich so lieblich im Lenze!

    Die Schäferin seufzt aus tiefer Brust:

    Wem geb ich meine Kränze?


    Ein Reiter reitet den Fluß entlang,

    Er grüßt so blühenden Mutes!

    Die Schäferin schaut ihm nach so bang,

    Fern flattert die Feder des Hutes.


    Sie weint und wirft in den gleitenden Fluß

    Die schönen Blumenkränze.

    Die Nachtigall singt von Lieb und Kuß -

    Es liebt sich so lieblich im Lenze!

  • Du bist wie eine Blume


    Du bist wie eine Blume,

    So hold und schön und rein;

    Ich schau dich an, und Wehmut

    Schleicht mir ins Herz hinein.


    Mir ist, als ob ich die Hände

    Aufs Haupt dir legen sollt,

    Betend, daß Gott dich erhalte

    So rein und schön und hold.

  • Die schlesischen Weber


    Im düstern Auge keine Träne
    Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
    Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
    Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
    Wir weben, wir weben!


    Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
    In Winterskälte und Hungersnöten;
    Wir haben vergebens gehofft und geharrt -
    Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt -
    Wir weben, wir weben!


    Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
    Den unser Elend nicht konnte erweichen
    Der den letzten Groschen von uns erpreßt
    Und uns wie Hunde erschießen läßt -
    Wir weben, wir weben!


    Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
    Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
    Wo jede Blume früh geknickt,
    Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
    Wir weben, wir weben!


    Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
    Wir weben emsig Tag und Nacht -
    Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
    Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
    Wir weben, wir weben!

  • Nachtgedanken

    Denk ich an Deutschland in der Nacht,

    Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
    Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
    Und meine heißen Tränen fließen.


    Die Jahre kommen und vergehn!
    Seit ich die Mutter nicht gesehn,
    Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
    Es wächst mein Sehnen und Verlangen.


    Mein Sehnen und Verlangen wächst.
    Die alte Frau hat mich behext,
    Ich denke immer an die alte,
    Die alte Frau, die Gott erhalte!


    Die alte Frau hat mich so lieb,
    Und in den Briefen, die sie schrieb,
    Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
    Wie tief das Mutterherz erschüttert.


    Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
    Zwölf lange Jahre flossen hin,
    Zwölf lange Jahre sind verflossen,
    Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.


    Deutschland hat ewigen Bestand,
    Es ist ein kerngesundes Land,
    Mit seinen Eichen, seinen Linden,
    Werd' ich es immer wiederfinden.


    Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
    Wenn nicht die Mutter dorten wär;
    Das Vaterland wird nie verderben,
    Jedoch die alte Frau kann sterben.


    Seit ich das Land verlassen hab,
    So viele sanken dort ins Grab,
    Die ich geliebt -- wenn ich sie zähle,
    So will verbluten meine Seele.


    Und zählen muß ich -- Mit der Zahl
    Schwillt immer höher meine Qual;
    Mir ist, als wälzten sich die Leichen,
    Auf meine Brust -- Gottlob! Sie weichen!


    Gottlob! Durch meine Fenster bricht
    Französisch heitres Tageslicht;
    Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen
    Und lächelt für die deutschen Sorgen.

  • Schelm von Bergen


    Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein
    wird Mummenschanz gehalten;
    da flimmern die Kerzen, da rauscht die Musik,
    da tanzen die bunten Gestalten.


    Da tanzt die schöne Herzogin,
    sie lacht laut auf beständig;
    ihr Tänzer ist ein schlanker Fant,
    gar höfisch und behendig.


    Er trägt eine Maske von schwarzem Samt,
    daraus gar freudig blicket
    ein Auge wie ein blanker Dolch
    halb aus der Scheide gezücket.


    Es jubelt die Fastnachtsgeckenschar,
    wenn jene vorüberwalzen.
    Der Drickes und die Marizzebill
    grüßen mit Schnarren und Schnalzen.


    Und die Trompeten schmettern drein,
    der närrische Brummbaß brummet,
    bis endlich der Tanz ein Ende nimmt
    und die Musik verstummet.


    "Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
    ich muß nach Hause gehen —"
    Die Herzogin lacht: "Ich laß dich nicht fort,
    bevor ich dein Antlitz gesehen."


    "Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
    mein Anblick bringt Schrecken und Grauen —"
    Die Herzogin lacht: "Ich fürchte mich nicht,
    ich will dein Antlitz schauen."


    "Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir,
    der Nacht und dem Tod gehör' ich —"
    Die Herzogin lacht: "Ich lasse dich nicht,
    dein Antlitz zu schauen begehr' ich."


    Wohl sträubt sich der Mann mit finsterm
    das Weib nicht zähmen kunnt' er,
    sie riß ihm mit Gewalt
    die Maske vom Antlitz herunter.


    "Das ist der Scharfrichter von Bergen!" so schreit
    entsetzt die Menge im Saale _
    und weichet scheusam — die Herzogin
    stürzt fort zu ihrem Gemahle.


    Der Herzog ist klug, er tilgte die Schmach
    der Gattin auf der Stelle.
    Er zog sein blankes Schwert und sprach;
    "Knie vor mir nieder, Geselle!


    Mit diesem Schwertschlag mach' ich dich
    jetzt ehrlich und ritterzünftig,
    und weil du ein Schelm, so nenne dich
    Herr Schelm von Bergen künftig."


    So ward der Henker ein Edelmann
    und Ahnherr der Schelme von Bergen.
    Ein stolzes Geschlecht! es blühte am Rhein
    Jetzt schläft es in steinernen Särgen.



    Heinrich Heine (1797 - 1856)

  • Weltlauf


    Hat man viel, so wird man bald

    Noch viel mehr dazu bekommen.

    Wer nur wenig hat, dem wird

    auch das wenige genommen.


    Wenn du aber gar nichts hast,

    Ach, so lasse dich begraben -

    Denn ein Recht zum Leben, Lump,

    Haben nur, die etwas haben.


    Heinrich Heine
    (* 13.12.1797, † 17.02.1856)

  • Neu erstellte Beiträge unterliegen der Moderation und werden erst sichtbar, wenn sie durch einen Moderator geprüft und freigeschaltet wurden.

    Die letzte Antwort auf dieses Thema liegt mehr als 90 Tage zurück. Das Thema ist womöglich bereits veraltet. Bitte erstellen Sie ggf. ein neues Thema.