Ludwig Uhland


  • Frühlingsglaube

    Die linden Lüfte sind erwacht,

    Sie säuseln und weben Tag und Nacht,

    Sie schaffen an allen Enden.

    O frischer Duft, o neuer Klang!

    Nun, armes Herze, sei nicht bang!

    Nun muss sich alles, alles wenden.


    Die Welt wird schöner mit jedem Tag,

    Man weiß nicht, was noch werden mag,

    Das Blühen will nicht enden.

    Es blüht das fernste, tiefste Tal;

    Nun, armes Herz, vergiss der Qual!

    Nun muss sich alles, alles wenden.


  • Einkehr

    Bei einem Wirte wundermild,
    Da war ich jüngst zu Gaste;
    Ein goldner Apfel war sein Schild
    An einem langen Aste.

    Es war der gute Apfelbaum,
    Bei dem ich eingekehret;
    Mit süßer Kost und frischem Schaum
    Hat er mich wohl genähret.

    Es kamen in sein grünes Haus
    Viel leichtbeschwingte Gäste;
    Sie sprangen frei und hielten Schmaus
    Und sangen auf das beste.

    Ich fand ein Bett zu süßer Ruh
    Auf weichen, grünen Matten;
    Der Wirt, er deckte selbst mich zu
    Mit seinem kühlen Schatten.

    Nun fragt ich nach der Schuldigkeit,
    Da schüttelt er den Wipfel.
    Gesegnet sei er allezeit
    Von der Wurzel bis zum Gipfel.

  • An einem heiteren Morgen


    O blaue Luft nach trüben Tagen,
    Wie kannst du stillen meine Klagen?
    Wer nur am Regen krank gewesen,
    Der mag durch Sonnenschein genesen.

    O blaue Luft nach trüben Tagen,
    Doch stillt du meine bittern Klagen;
    Du glänzest Ahnung mir zum Herzen,
    Wie himmlisch Freude labt nach Schmerzen.

  • Die Lerchen

    Welch ein Schwirren, welch ein Flug?
    Sei willkommen, Lerchenzug!
    Jene streift der Wiese Saum,
    Diese rauschet durch den Baum.

    Manche schwingt sich himmelan,
    Jauchzend auf der lichten Bahn,
    Eine, voll von Liedeslust,
    Flattert hier in meiner Brust.

  • Maientau

    Auf den Wald und auf die Wiese,
    Mit dem ersten Morgengrau,
    Träuft ein Quell vom Paradiese,
    Leiser, frischer Maientau;
    Was den Mai zum Heiligtume
    Jeder süßen Wonne schafft,
    Schmelz der Blätter, Glanz der Blume,
    Würz und Duft, ist seine Kraft.

    Wenn den Tau die Muschel trinket,
    Wird in ihr ein Perlenstrauß;
    Wenn er in den Eichstamm sinket,
    Werden Honigbienen draus;
    Wenn der Vogel auf dem Reise
    Kaum damit den Schnabel netzt,
    Lernet er die helle Weise,
    Die den ernsten Wald ergetzt.

    Mit dem Tau der Maienglocken
    Wascht die Jungfrau ihr Gesicht,
    Badet sie die goldnen Locken,
    Und sie glänzt von Himmelslicht;
    Selbst ein Auge, rot geweinet,
    Labt sich mit den Tropfen gern,
    Bis ihm freundlich niederscheinet,
    Taugetränkt, der Morgenstern.

    Sink denn auch auf mich hernieder,
    Balsam du für jeden Schmerz!
    Netz auch mir die Augenlider!
    Tränke mir mein dürstend Herz!
    Gib mir Jugend, Sangeswonne,
    Himmlischer Gebilde Schau,
    Stärke mir den Blick zur Sonne,
    Leiser, frischer Maientau!

  • Wein und Brot

    Solche Düfte sind mein Leben,
    Die verscheuchen all mein Leid:
    Blühen auf dem Berg die Reben,
    Blüht im Tale das Getreid.

    Donnern werden bald die Tennen,
    Bald die Mühlen rauschend gehn,
    Und wenn die sich müde rennen,
    Werden sich die Keltern drehn.

    Gute Wirtin vieler Zecher!
    So gefällt mir's, flink und frisch;
    Kommst du mit dem Wein im Becher,
    Liegt das Brot schon auf dem Tisch.

  • Der Mohn

    Wie dort, gewiegt von Westen,
    Des Mohnes Blüte glänzt!
    Die Blume, die am besten
    Des Traumgotts Schläfe kränzt;
    Bald purpurhell, als spiele
    Der Abendröte Schein,
    Bald weiß und bleich, als fiele
    Des Mondes Schimmer ein.

    Zur Warnung hört ich sagen,
    Daß, der im Mohne schlief,
    Hinunter ward getragen
    In Träume, schwer und tief;
    Dem Wachen selbst geblieben
    Sei irren Wahnes Spur,
    Die Nahen und die Lieben
    Halt' er für Schemen nur.

    In meiner Tage Morgen,
    Da lag auch ich einmal,
    Von Blumen ganz verborgen,
    In einem schönen Tal.
    Sie dufteten so milde!
    Da ward, ich fühlt es kaum,
    Das Leben mir zum Bilde,
    Das Wirkliche zum Traum.

    Seitdem ist mir beständig,
    Als w'r es so nur recht,
    Mein Bild der Welt lebendig,
    Mein Traum nur wahr und echt;
    Die Schatten, die ich sehe,
    Sie sind wie Sterne klar.
    O Mohn der Dichtung! wehe
    Ums Haupt mir immerdar!

  • Der Sommerfaden


    Da fliegt, als wir im Felde gehen,

    Ein Sommerfaden über Land,

    Ein leicht und licht Gespinst der Feen,

    Und knüpft von mir zu ihr ein Band.

    Ich nehm' ihn für ein günstig Zeichen,

    Ein Zeichen, wie die Lieb' es braucht.

    O Hoffnungen der Hoffnungsreichen,

    Aus Duft gewebt, von Luft zerhaucht!

  • Sonnenwende


    Nun die Sonne soll vollenden

    Ihre längste, schönste Bahn,

    Wie sie zögert, sich zu wenden

    Nach dem stillen Ozean!

    Ihrer Göttin Jugendneige

    Fühlt die ahnende Natur,

    Und mir dünkt, bedeutsam schweige

    Rings die abendliche Flur.


    Nur die Wachtel, die sonst immer

    Frühe schmälend weckt den Tag,

    Schlägt dem überwachten Schimmer

    Jetzt noch einen Weckeschlag;

    Und die Lerche steigt im Singen

    Hochauf aus dem duft'gen Tal,

    Einen Blick noch zu erschwingen

    In den schon versunknen Strahl.


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