Theodor Fontane


  • Frühling

    Nun ist er endlich kommen doch

    In grünem Knospenschuh;

    »Er kam, er kam ja immer noch«,

    Die Bäume nicken sich's zu.


    Sie konnten ihn all erwarten kaum,

    Nun treiben sie Schuss auf Schuss;

    Im Garten der alte Apfelbaum,

    Er sträubt sich, aber er muss.


    Wohl zögert auch das alte Herz

    Und atmet noch nicht frei,

    Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,

    Und März ist noch nicht Mai.«


    O schüttle ab den schweren Traum

    Und die lange Winterruh':

    Es wagt es der alte Apfelbaum,

    Herze, wag's auch du.

  • Überlaß es der Zeit


    Erscheint dir etwas unerhört,

    Bist du tiefsten Herzens empört,

    Bäume nicht auf, versuchs nicht mit Streit,

    Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.

    Am ersten Tage wirst du feige dich schelten,

    Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,

    Am dritten hast du's überwunden;

    Alles ist wichtig nur auf Stunden,

    Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,

    Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

  • Die Frage bleibt


    Halte dich still, halte dich stumm,

    Nur nicht fragen, warum? warum?

    Nur nicht bittere Fragen tauschen,

    Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.

    Wies dich auch aufzuhorchen treibt,

    Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

  • Immer enger...


    Immer enger, leise, leise

    Ziehen sich die Lebenskreise,

    Schwindet hin, was prahlt und prunkt,

    Schwindet hoffen, hassen, lieben,

    Und ist nichts in Sicht geblieben

    Als der letzte dunkle Punkt.

  • Mittag


    Am Waldessaume träumt die Föhre,

    am Himmel weiße Wölkchen nur;

    es ist so still, daß ich sie höre,

    die tiefe Stille der Natur.


    Rings Sonnenschein auf Wies' und Wegen,

    die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,

    und doch, es klingt, als ström' ein Regen

    leis tönend auf das Blätterdach.

  • Alles still


    Alles still! Es tanzt den Reigen

    Mondenstrahl in Wald und Flur,

    Und darüber thront das Schweigen

    Und der Winterhimmel nur.


    Alles still! Vergeblich lauschet

    Man der Krähe heisrem Schrei.

    Keiner Fichte Wipfel rauschet,

    Und kein Bächlein summt vorbei.


    Alles still! Die Dorfeshütten

    Sind wie Gräber anzusehn,

    Die, von Schnee bedeckt, inmitten

    Eines weiten Friedhofs stehn.


    Alles still! Nichts hör ich klopfen

    Als mein Herze durch die Nacht -

    Heiße Tränen niedertropfen

    Auf die kalte Winterpracht.

  • Guter Rat

    An einem Sommermorgen

    da nimm den Wanderstab,

    es fallen deine Sorgen

    wie Nebel von dir ab.


    Des Himmels heitre Bläue

    lacht dir ins Herz hinein

    und schließt, wie Gottes Treue,

    mit seinem Dach dich ein.


    Rings Blüten nur und Triebe

    und Halme von Segen schwer,

    dir ist, als zöge die Liebe

    des Weges nebenher.


    So heimisch alles klingt

    als wie im Vaterhaus,

    und über die Lerchen schwingt

    die Seele sich hinaus.

  • Am Apfelbaum


    Als noch im stillen Tale

    Der Frühling weilte kaum,

    Stand ich zum letzten Male

    An diesem Apfelbaum.


    Es flochten Blütenflocken

    - Erschöpft vom Wirbeltanz -

    In ihren dunklen Locken

    Geschäftig sich zum Kranz.


    Der Winter ist gekommen.

    Und nahm nach altem Brauch,

    Und was er mir genommen.

    Erweckt kein Frühlingshauch.


    Auch heut ich's von den Zweigen

    Wie Blüten fallen seh;

    Doch tanzt den stillen Reigen

    In Flocken nur der Schnee.


    Ich seh vom Haupt ihn tropfen

    Gleich Tränen niederwärts,

    Und lauter hör ich klopfen

    Mein tiefbewegtes Herz.

  • Glück


    Sonntagsruhe, Dorfesstille,
    Kind und Knecht und Magd sind aus,
    Unterm Herde nur die Grille
    Musizieret durch das Haus.


    Tür und Fenster blieben offen,
    Denn es schweigen Luft und Wind,
    In uns schweigen Wunsch und Hoffen,
    Weil wir ganz im Glücke sind.


    Felder rings - ein Gottessegen
    Hügel auf- und niederwärts,
    Und auf stillen Gnadenwegen
    Stieg auch uns er in das Herz.

  • Auf dem See


    Ich treibe auf den Fluten,

    Erfüllt von heitrer Ruh,

    Und schau dem Spiel der Lüfte,

    Dem Tanz der Wellen zu.


    Die Sonne strahlt vergoldend

    Rings auf der Fluten Blau,

    Sie strahlet segenspendend

    Auf die begrünte Au.


    Ich drücke wonnetrunken

    Das Bild an meine Brust; -

    Doch plötzlich - ein Gedanke

    Zerstört der Seele Lust.


    Wie sind es nicht die Wellen,

    Die einst mein Lieb begrüßt?

    Wie sind es nicht die Lüfte,

    Die zärtlich es geküsst?


    Wie ist es nicht die Sonne,

    Die meine Lust erblickt.

    Wenn Vandas Sonnenstrahlen

    Mein kaltes Herz erquickt?


    Oh, sagt mir doch, ihr Wellen,

    Habt ihr sie nicht umrauscht?

    Ihr wißbegier'gen Lüfte,

    Habt ihr sie nicht belauscht?


    Oh, sag mir, liebe Sonne,

    Sahst du nicht meine Braut?

    Hat denn dein Flammenauge

    Mein Liebchen nicht erschaut!


    Da musste wohl sie weinen,

    Denn trübe ward ihr Blick;

    Sie gab nur Tränenströme

    Als Antwort mir zurück.


    Die Lüfte und die Wellen,

    Die sangen dann ein Lied,

    Wie Liebe und wie Treue

    Aus ihrem Herzen schied. -


    Ich treibe auf den Fluten

    Und schau in sie hinab;

    Gedenke der Geliebten

    Und denke an das Grab.

  • Der erste Schnee


    Herbstsonnenschein. Des Winters Näh'

    Verrät ein Flockenpaar;

    Es gleicht das erste Flöckchen Schnee

    Dem ersten weißen Haar.


    Noch wird - wie wohl von lieber Hand

    Der erste Schnee dem Haupt -

    So auch der erste Schnee dem Land

    Vom Sonnenstrahl geraubt.


    Doch habet Acht! mit einem Mal

    Ist Haupt und Erde weiß,

    Und Liebeshand und Sonnenstrahl

    Sich nicht zu helfen weiß.

  • Das Wasserröslein


    Auf weiches Moos gebettet

    Lag ich am Uferrand,

    Wo schön und wunderprächtig

    Ein Wasserröslein stand.


    Es guckte mit dem Köpfchen

    Neugierig aus der Flut,

    Und nickte mir so freundlich,

    Als spräch's: „Ich bin dir gut."


    Der Abend sank hernieder.

    Die Erde ging zur Ruh,

    Und ich, im Schaun versunken.

    Schloß auch die Augen zu.


    Da regt sich's in den Lüften,

    Da tönt es in dem See,

    Und sieh - mein Wasserröslein

    Ward eine Wasserfee.


    Die neigt sich zu mir nieder

    Und blickt mich zärtlich an.

    Und preßt die schönen Glieder

    Verlockend an mich an.


    Der Augen heiße Gluten,

    Erfüllt von Sehnsuchtsschmerz,

    Verwirren mir die Sinne,

    Durchzittern mir das Herz.


    Der Locken goldne Fülle

    Schlingt sie um meinen Leib,

    Und spricht so süße Worte,

    Das wunderschöne Weib.


    Da zieht's mich in die Wogen,

    Sie küßt und herzt und lacht.

    Doch, kaum hinabgezogen.

    Bin plötzlich ich erwacht.


    Der Sonne erste Strahlen

    Vergolden Tal und Höh;

    Verschwunden ist die Nixe,

    Die schöne Wasserfee.


    Ich seh das Röslein wieder,

    Benetzt vom Wellenschaum; -

    „Wo bist du, schöne Nixe!

    War alles nur ein Traum?!"

  • Frühlingslied


    Der Frühling kam, der Weltbefreier,

    Die Erde lebt und grünt und blüht,

    Am Himmel keine Wolkenschleier,

    Und ohne Wolken das Gemüt.


    Die Vögel singen und Menschen singen.

    Und wie die Lerche himmelwärts,

    Will sich empor zur Gottheit schwingen

    Im Dankgebet das Menschenherz.


    O Herz! es brach sterben Frühlingssonne

    Des Winters wohl Ketten entzwei,

    Wohl ziemt der Erde Dank und Wonne;

    Auch du bist doch von Ketten frei? -

  • Aber es bleibt auf dem alten Fleck


    "Wie konnt' ich das tun, wie konnt' ich das sagen",-
    So hört man nicht auf, sich anzuklagen,
    Bei jeder Dummheit, bei jedem Verlieren
    Heißt es: "Das soll dir nicht wieder passieren".
    Irrtum! Heut traf es bloß Kunzen und Hinzen,
    Morgen trifft es schon ganze Provinzen,
    Am dritten Tag ganze Konfessionen,
    Oder die "Rassen, die zwischen uns wohnen",
    Immer kriegt man einen Schreck,
    Aber es bleibt auf dem alten Fleck.

  • Es kribbelt und wibbelt weiter


    Die Flut steigt bis an den Arrarat,

    Und es hilft keine Rettungsleiter,

    Da bringt die Taube Zweig und Blatt -

    Und es kribbelt und wibbelt weiter.


    Es sicheln und mähen von Ost nach West

    Die apokalyptischen Reiter,

    Aber ob Hunger, ob Krieg, ob Pest,

    Es kribbelt und wibbelt weiter.


    Ein Gott wird gekreuzigt auf Golgatha,

    Es brennen Millionen Scheiter,

    Märtyrer hier und Hexen da,

    Doch es kribbelt und wibbelt weiter.


    So banne dein Ich in dich zurück

    Und ergib dich und sei heiter,

    Was liegt an dir und deinem Glück?

    Es kribbelt und wibbelt weiter.

  • Im Herbst


    Es fällt das Laub wie Regentropfen

    So zahllos auf die Stoppelflur;

    Matt pulst der Bach wie letztes Klopfen

    Im Todeskampfe der Natur.


    Still wird’s! und als den tiefen Frieden

    Ein leises Wehen jetzt durchzog,

    Da mocht’ es sein, daß abgeschieden

    Die Erdenseele aufwärts flog.

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