J. W. von Goethe

  • Osterspaziergang

    Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

    Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,

    Im Tale grünet Hoffnungsglück;

    Der alte Winter, in seiner Schwäche,

    Zog sich in rauhe Berge zurück.

    Von dorten sendet er, fliehend, nur

    Ohnmächtige Schauer körnigen Eises

    In Streifen über die grünende Flur;

    Aber die Sonne duldet kein Weißes,

    Überall regt sich Bildung und Streben,

    Alles will sie mit Farben beleben;

    Doch an Blumen fehlt's im Revier,

    Sie nimmt geputzte Menschen dafür.


    Kehre dich um, von diesen Höhen

    Nach der Stadt zurückzusehen.

    Aus dem hohlen, finstern Tor

    Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

    Jeder sonnt sich heute so gern.

    Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

    Denn sie sind selber auferstanden;

    Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

    Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

    Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

    Aus der Straßen quetschender Enge,

    Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

    Sind sie alle ans Licht gebracht.


    Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge

    Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

    Wie der Fluß in Breit' und Länge

    So manchen lustigen Nachen bewegt,

    Und bis zum Sinken überladen

    Entfernt sich dieser letzte Kahn.

    Selbst von des Berges fernen Pfaden

    Blinken uns farbige Kleider an.

    Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

    Hier ist des Volkes wahrer Himmel,

    Zufrieden jauchzet groß und klein:

    Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein."

  • Frühling übers Jahr

    Das Beet, schon lockert
    Sich's in die Höh',
    Da wanken Glöckchen
    So weiss wie Schnee;
    Safran entfaltet
    Gewalt'ge Glut,
    Smaragden keimt es
    Und keimt wie Blut.
    Primeln stolzieren
    So naseweis,
    Schalkhafte Veilchen,
    Versteckt mit Fleiss;
    Was auch noch alles
    Da regt und webt,
    Genug, der Frühling,
    Er wirkt und lebt.

    Doch was im Garten
    Am reichsten blüht,
    Das ist des Liebchens
    Lieblich Gemüt.
    Da glühen Blicke
    Mir immerfort,
    Erregend Liedchen,
    Erheiternd Wort;
    Ein immer offen,
    Ein Blütenherz,
    Im Ernste freundlich
    Und rein im Scherz.
    Wenn Ros' und Lilie
    Der Sommer bringt,
    Er doch vergebens
    Mit Liebchen ringt.

  • Der Zauberlehrling

    Hat der alte Hexenmeister
    Sich doch einmal wegbegeben!
    Und nun sollen seine Geister
    Auch nach meinem Willen leben.
    Seine Wort' und Werke
    Merkt ich und den Brauch,
    Und mit Geistesstärke
    Tu' ich Wunder auch.


    Walle! walle
    Manche Strecke,
    Daß, zum Zwecke,
    Wasser fließe,
    Und mit reichem, vollem Schwalle
    Zu dem Bade sich ergieße.

    Und nun komm, du alter Besen!
    Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
    Bist schon lange Knecht gewesen;
    Nun erfülle meinen Willen!
    Auf zwei Beinen stehe,
    Oben sei ein Kopf!
    Eile nun und gehe
    Mit dem Wassertopf!


    Walle! walle
    Manche Strecke,
    Daß, zum Zwecke,
    Wasser fließe
    Und mit reichem, vollem Schwalle
    Zu dem Bade sich ergieße.

    Seht, er läuft zum Ufer nieder;
    Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
    Und mit Blitzesschnelle wieder
    Ist er hier mit raschem Gusse.
    Schon zum zweiten Male!
    Wie das Becken schwillt!
    Wie sich jede Schale
    Voll mit Wasser füllt!


    Stehe! stehe!
    Denn wir haben
    Deiner Gaben
    Vollgemessen! -
    Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
    Hab ich doch das Wort vergessen!

    Ach, das Wort, worauf am Ende
    Er das wird, was er gewesen.
    Ach, er läuft und bringt behende!
    Wärst du doch der alte Besen!
    Immer neue Güsse
    Bringt er schnell herein,
    Ach! und hundert Flüsse
    Stürzen auf mich ein.


    Nein, nicht länger
    Kann ich's lassen;
    Will ihn fassen.
    Das ist Tücke!
    Ach! nun wird mir immer bänger!
    Welche Miene! welche Blicke!

    O du Ausgeburt der Hölle!
    Soll das ganze Haus ersaufen?
    Seh ich über jede Schwelle
    Doch schon Wasserströme laufen.
    Ein verruchter Besen,
    Der nicht hören will!
    Stock, der du gewesen,
    Steh doch wieder still!


    Willst's am Ende
    Gar nicht lassen?
    Will dich fassen,
    Will dich halten
    Und das alte Holz behende
    Mit dem scharfen Beile spalten.

    Seht, da kommt er schleppend wieder!
    Wie ich mich nur auf dich werfe,
    Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
    Krachend trifft die glatte Schärfe.
    Wahrlich! brav getroffen!
    Seht, er ist entzwei!
    Und nun kann ich hoffen,
    Und ich atme frei!


    Wehe! wehe!
    Beide Teile
    Stehn in Eile
    Schon als Knechte
    Völlig fertig in die Höhe!
    Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

    Und sie laufen! Naß und nässer
    Wird's im Saal und auf den Stufen.
    Welch entsetzliches Gewässer!
    Herr und Meister! hör mich rufen! -
    Ach, da kommt der Meister!
    Herr, die Not ist groß!
    Die ich rief, die Geister,
    Werd ich nun nicht los.


    "In die Ecke,
    Besen! Besen!
    Seid's gewesen.
    Denn als Geister
    Ruft euch nur, zu seinem Zwecke
    Erst hervor der alte Meister."


    Die Freundschaft fließt aus vielen Quellen, am reinsten aber aus Respekt :)<3:!:

  • "Der Erlkönig"

    Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
    Es ist der Vater mit seinem Kind.
    Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
    Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.


    Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?

    Siehst Vater, du den Erlkönig nicht!

    Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif?

    Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

    Du liebes Kind, komm geh' mit mir!

    Gar schöne Spiele, spiel ich mit dir,

    Manch bunte Blumen sind an dem Strand,

    Meine Mutter hat manch gülden Gewand.


    Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,

    Was Erlenkönig mir leise verspricht?

    Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind,

    In dürren Blättern säuselt der Wind.


    Willst feiner Knabe du mit mir geh'n?

    Meine Töchter sollen dich warten schön,

    Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn

    Und wiegen und tanzen und singen dich ein.


    Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort

    Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?

    Mein Sohn, mein Sohn, ich seh'es genau:

    Es scheinen die alten Weiden so grau.


    Ich lieb dich, mich reizt deine schöne Gestalt,

    Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!

    Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an,

    Erlkönig hat mir ein Leids getan.


    Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,

    Er hält in den Armen das ächzende Kind,

    Erreicht den Hof mit Mühe und Not,

    In seinen Armen das Kind war tot.

    Die Freundschaft fließt aus vielen Quellen, am reinsten aber aus Respekt :)<3:!:

  • Gesang der Geister über den Wassern


    Des Menschen Seele

    Gleicht dem Wasser:

    Vom Himmel kommt es,

    Zum Himmel steigt es,

    Und wieder nieder

    Zur Erde muß es,

    Ewig wechselnd.


    Strömt von der hohen,

    Steilen Felswand

    Der reine Strahl,

    Dann stäubt er lieblich

    In Wolkenwellen

    Zum glatten Fels,

    Und leicht empfangen,

    Wallt er verschleiernd,

    Leisrauschend

    Zur Tiefe nieder.


    Ragen Klippen

    Dem Sturz entgegen,

    Schäumt er unmutig

    Stufenweise

    Zum Abgrund.


    Im flachen Bette

    Schleicht er das Wiesental hin,

    Und in dem glatten See

    Weiden ihr Antlitz

    Alle Gestirne.


    Wind ist der Welle

    Lieblicher Buhler;

    Wind mischt vom Grund aus

    Schäumende Wogen.


    Seele des Menschen,

    Wie gleichst du dem Wasser!

    Schicksal des Menschen,

    Wie gleichst du dem Wind!

  • Willkommen und Abschied

    Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!

    Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.

    Der Abend wiegte schon die Erde,

    Und an den Bergen hing die Nacht.

    Schon stund im Nebelkleid die Eiche

    Wie ein getürmter Riese da,

    Wo Finsternis aus dem Gesträuche

    Mit hundert schwarzen Augen sah.


    Der Mond von einem Wolkenhügel

    Sah schläfrig aus dem Duft hervor,

    Die Winde schwangen leise Flügel,

    Umsausten schauerlich mein Ohr.

    Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,

    Doch tausendfacher war mein Mut,

    Mein Geist war ein verzehrend Feuer,

    Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.


    Ich sah dich, und die milde Freude

    Floß aus dem süßen Blick auf mich.

    Ganz war mein Herz an deiner Seite,

    Und jeder Atemzug für dich.

    Ein rosenfarbnes Frühlingswetter

    Lag auf dem lieblichen Gesicht

    Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter,

    Ich hofft' es, ich verdient' es nicht.


    Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!

    Aus deinen Blicken sprach dein Herz.

    In deinen Küssen welche Liebe,

    O welche Wonne, welcher Schmerz!

    Du gingst, ich stund und sah zur Erden

    Und sah dir nach mit nassem Blick.

    Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,

    Und lieben, Götter, welch ein Glück!

  • Gefunden

    Ich ging im Walde

    So für mich hin,

    Und nichts zu suchen

    Das war mein Sinn.


    Im Schatten sah ich

    Ein Blümchen steh'n,

    Wie Sterne leuchtend,

    Wie Äuglein schön.


    Ich wollt' es brechen,

    Da sagt' es fein:

    "Soll ich zum Welken

    Gebrochen sein?"


    Ich grub's mit allen

    Den Würzlein aus,

    Zum Garten trug ich's

    Am hübschen Haus.


    Und pflanzt' es wieder

    Am stillen Ort;

    Nun zweigt es immer

    Und blüht so fort.

  • Der Schatzgräber


    Arm am Beutel, krank am Herzen,

    Schleppt’ ich meine langen Tage.

    Armut ist die grösste Plage,

    Reichtum ist das höchste Gut!

    Und zu enden meine Schmerzen,

    Ging ich einen Schatz zu graben.

    „Meine Seele sollst du haben!“

    Schrieb ich hin mit eignem Blut.


    Und so zog ich Kreis’ um Kreise,

    Stellte wunderbare Flammen,

    Kraut und Knochenwerk zusammen:

    Die Beschwörung war vollbracht.

    Und auf die gelernte Weise

    Grub ich nach dem alten Schatze,

    Auf dem angezeigten Platze;

    Schwarz und stürmisch war die Nacht.


    Und ich sah ein Licht von weiten;

    Und es kam, gleich einem Sterne,

    Hinten aus der fernsten Ferne,

    Eben als es Zwölfe schlug.

    Und da galt kein Vorbereiten.

    Heller ward’s mit einemmale

    Von dem Glanz der vollen Schale,

    Die ein schöner Knabe trug.


    Holde Augen sah ich blinken

    Unter dichtem Blumenkranze;

    In des Trankes Himmelsglanze

    Trat er in den Kreis herein.

    Und er hiess mich freundlich trinken;

    Und ich dacht’: es kann der Knabe

    Mit der schönen lichten Gabe,

    Wahrlich nicht der Böse sein.


    Trinke Mut des reinen Lebens!

    Dann verstehst du die Belehrung,

    Kommst, mit ängstlicher Beschwörung,

    Nicht zurück an diesen Ort.

    Grabe hier nicht mehr vergebens:

    Tages Arbeit! Abends Gäste!

    Saure Wochen! Frohe Feste!

    Sei dein künftig Zauberwort.

  • Dämmrung senkte sich von oben

    Dämmrung senkte sich von oben,

    Schon ist alle Nähe fern;

    Doch zuerst emporgehoben

    Holden Lichts der Abendstern!

    Alles schwankt ins Ungewisse,

    Nebel schleichen in die Höh’;

    Schwarzvertiefte Finsternisse

    Widerspiegelnd ruht der See.


    Nun im östlichen Bereiche

    Ahn’ ich Mondenglanz und -glut,

    Schlanker Weiden Haargezweige

    Scherzen auf der nächsten Flut.

    Durch bewegter Schatten Spiele

    Zittert Lunas Zauberschein,

    Und durchs Auge schleicht die Kühle

    Sänftigend ins Herz hinein.

  • Wanderlied

    Von dem Berge zu den Hügeln,

    Niederab das Tal entlang,

    Da erklingt es wie von Flügeln,

    Da bewegt sich's wie Gesang;

    Und dem unbedingten Triebe

    Folget Freude, folget Rat;

    Und dein Streben, sei's in Liebe,

    Und dein Leben sei die Tat!


    Denn die Bande sind zerrissen,

    Das Vertrauen ist verletzt;

    Kann ich sagen, kann ich wissen,

    Welchem Zufall ausgesetzt

    Ich nun scheiden, ich nun wandern,

    Wie die Witwe, trauervoll,

    Statt dem einen, mit dem andern

    Fort und fort mich wenden soll!


    Bleibe nicht am Boden heften,

    Frisch gewagt und frisch hinaus!

    Kopf und Arm mit heitern Kräften,

    Überall sind sie zu Haus;

    Wo wir uns der Sonne freuen,

    Sind wir jede Sorge los;

    Daß wir uns in ihr zerstreuen,

    Darum ist die Welt so groß.

  • Herbstgefühl


    Fetter grüne, du Laub,

    Am Rebengeländer
    Hier mein Fenster herauf!
    Gedrängter quellet,
    Zwillingsbeeren, und reifet
    Schneller und glänzend voller!
    Euch brütet der Mutter Sonne
    Scheideblick; euch umsäuselt
    Des holden Himmels
    Fruchtende Fülle;
    Euch kühlet des Mondes
    Freundlicher Zauberhauch,
    Und euch betauen, ach!
    Aus diesen Augen
    Der ewig belebenden Liebe
    Vollschwellende Tränen.


  • Was verkürzt mir die Zeit...


    Was verkürzt mir die Zeit?
    Tätigkeit!
    Was macht sie unerträglich lang?
    Müßiggang!
    Was bringt in Schulden?
    Harren und Dulden!
    Was macht Gewinnen?
    Nicht lange besinnen!
    Was bringt zu Ehren?
    Sich wehren!


  • Harfenspieler


    Wer nie sein Brot mit Tränen aß,

    Wer nie die kummervollen Nächte

    Auf seinem Bette weinend saß,

    Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.


    Ihr führt ins Leben uns hinein,

    Ihr laßt den Armen schuldig werden,

    Dann überlaßt ihr ihn der Pein:

    Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.


  • Sommer

    Der Sommer folgt. Es wachsen Tag und Hitze,

    und von den Auen dränget uns die Glut;

    doch dort am Wasserfall, am Felsensitze

    erquickt ein Trunk, erfrischt ein Wort das Blut.

    Der Donner rollt, schon kreuzen sich die Blitze,

    die Höhle wölbt sich auf zur sichern Hut,

    dem Tosen nach kracht schnell ein knatternd Schmettern;

    doch Liebe lächelt unter Sturm und Wettern.

  • Ungeduld


    Immer wieder in die Weite,

    Über Länder an das Meer,

    Phantasien, in der Breite

    Schwebt am Ufer hin und her!


    Neu ist immer die Erfahrung

    Immer ist dem Herzen bang,

    Schmerzen sind der Jugend Nahrung,

    Tränen seliger Lobgesang.

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