Eugen Roth

  • Aufbruch

    Über Nacht, vom ersten Warmen Winde
    kühn gemacht,
    hat der März das Tal geschwinde
    grün gemacht.

    Wärmt der Wald sich, mager und gestrüppig
    erst das Fell,
    bald des Kirschbaums Knospen, üppig
    bersten hell.

    Süßer Regen weint den weh gefrornen
    Garten auf.
    Blüten, die im Schnee verlornen,
    warten drauf.

    Hinter das vom Winter ausgebleichte
    Grau der Welt
    ist nun schon das frühlingsleichte
    Blau gestellt.

    Morgen kommt die Sonne: Furcht und Hoffen
    stöhnt vom Schlag -
    von des Lichtes Blitz getroffen
    tönt der Tag!

  • Das Schnitzel

    Ein Mensch, der sich ein Schnitzel briet,
    Bemerkte, daß ihm das mißriet.
    Jedoch, da er es selbst gebraten,
    Tut er, als wär es ihm geraten,
    Und, um sich nicht zu strafen Lügen,
    Ißt er′s mit herzlichem Vergnügen.

  • Die guten Vierziger

    Das Leben, meint ein holder Wahn,
    geht erst mit vierzig Jahren an.
    Wir lassen uns auch leicht betören,
    von Meinungen, die wir gern hören,
    und halten, längst schon vierzigjährig,
    meist unsre Kräfte noch für bärig.
    Was haben wir, gestehn wir's offen,
    von diesem Leben noch zu hoffen?

    Ein Weilchen sind wir noch geschäftig
    und vorderhand auch steuerkräftig,
    doch spüren wir, wie nach und nach
    gemächlich kommt das Ungemach,
    und wie Hormone und Arterien
    schön langsam gehen in die Ferien.
    Man nennt uns rüstig, nennt uns wacker
    und denkt dabei: "Der alte Knacker!"

    Wir stehn auf unsres Lebens Höhn,
    doch ist die Aussicht gar nicht schön -
    ganz abgesehen, daß auch zum Schluß
    wer droben, wieder runter muß.
    Wer es genau nimmt, kommt darauf:
    Mit vierzig hört das Leben auf.

  • Einfache Sache

    Ein Mensch drückt gegen eine Türe,
    wild stemmt er sich, daß sie sich rühre!
    Die schwere Türe, erzgegossen,
    bleibt ungerührt und fest verschlossen.

    Ein Unmensch, sonst gewiß nicht klug,
    versuchts ganz einfach jetzt mit Zug.
    Und schau! (Der Mensch steht ganz betroffen)
    Schon ist die schwere Türe offen!

    So geht's auch sonst in vielen Stücken:
    Dort, wo's zu ziehen gilt, hilft kein Drücken!

  • Entscheidungen



    Ein Mensch, der für den Fall, er müßte,
    Sich - meint er - nicht zu helfen wüßte,
    trifft doch den richtigen Entschluß
    Aus tapferm Herzen: Denn er muß!
    Das Bild der Welt bleibt immer schief,
    betrachtet aus dem Konjunktiv.

  • Die Meister

    Ein Mensch sitzt da, ein schläfrig trüber,
    ein and`rer döst ihm gegenüber.
    Sie reden nichts, sie stieren stumm.

    Mein Gott, denkst du, sind die zwei dumm!
    Der eine brummt, wie nebenbei,
    ganz langsam: Tc6-c2.
    Der and`re wird allmählich wach -
    und knurrt: Da3-g3, Schach!


    Der erste, weiter nicht erregt,
    starrt vor sich hin und überlegt.
    Dann plötzlich vor Erstaunen platt,
    seufzt er ein einzig Wörtlein: Matt!

    Und die du hieltst für nied`re Geister,
    erkennst du jetzt als hohe Meister!

  • Durch die Blume

    Ein Mensch pflegt seines Zimmers Zierde,
    Ein Rosenstöckchen mit Begierde.
    Gießts täglich, ohne zu ermatten,
    Stellts bald ins Licht, bald in den Schatten

    Erfrischt ihm unentwegt die Erde,
    Vermischt mit nassem Obst der Pferde,
    Beschneidet sorgsam jeden Trieb -
    Doch schon ist hin, was ihm so lieb.

    Leicht ist hier die Moral zu fassen:
    Man muß die Dinge wachsen lassen!

  • Ausweg


    Wer krank ist, wird zur Not sich fassen.

    Gilt's, dies und das zu unterlassen.

    Doch meistens zeigt er sich immun,

    Heißt es, dagegen was zu tun.

    Er wählt den Weg meist, den bequemen,

    Was ein- statt was zu unternehmen!

  • Kassenhass


    Ein Mann, der eine ganze Masse

    Gezahlt hat in die Krankenkasse,

    Schickt jetzt die nötigen Papiere,

    Damit auch sie nun tu das ihre.

    Jedoch er kriegt nach längrer Zeit

    statt baren Gelds nur den Bescheid,

    Nach Paragraphenziffer X

    Bekomme er vorerst noch nix,

    Weil, siehe Ziffer Y,

    Man dies und das gestrichen schon,

    So daß er nichts, laut Ziffer Z,

    Beanzuspruchen weiter hätt.

    Hingegen heißt's, nach Ziffer A,

    Daß er vermutlich übersah,

    Daß alle Kassen, selbst in Nöten,

    Den Beitrag leider stark erhöhten

    Und daß man sich, mit gleichem Schreiben,

    Gezwungen seh, ihn einzutreiben.

    Besagter Mann denkt, krankenkässlich,

    In Zukunft ausgesprochen häßlich.

  • Versäumte Gelegenheiten


    Ein Mensch, der von der Welt bekäme,

    Was er ersehnt - wenn er's nur nähme,

    Bedenkt die Kosten und sagt nein.

    Frau Welt packt also wieder ein.

    Der Mensch - nie kriegt er's mehr so billig! -

    Nachträglich wär er zahlungswillig.

    Frau Welt, noch immer bei Humor,

    Legt ihm sogleich was andres vor:

    Der Preis ist freilich arg gestiegen;

    Der Mensch besinnt sich und läßt's liegen.

    Das alte Spiel von Wahl und Qual

    Spielt er ein drittes, viertes Mal.

    Dann endlich ist er alt und weise

    Und böte gerne höchste Preise.

    Jedoch, sein Anspruch ist vertan,

    Frau Welt, sie bietet nichts mehr an

    Und wenn, dann lauter dumme Sachen,

    Die nur der Jugend Freude machen,

    Wie Liebe und dergleichen Plunder,

    Statt Seelenfrieden mit Burgunder . . .

  • Der Bumerang


    Ein Mensch hört irgendwas, gerüchtig,

    Schnell schwatzt er's weiter, neuerungssüchtig,

    So daß, was unverbürgt er weiß, zieht einen immer größern Kreis.

    Zum Schluß kommts auch zu ihm zurück. -

    Jetzt strahlt der Mensch vor lauter Glück:

    Vergessend, daß er's selbst getätigt,

    Sieht froh er sein Gerücht bestätigt.

  • Der Leser, traurig aber wahr,
    ist häufig unberechenbar:
    Hat er nicht Lust, hat er nicht Zeit,
    dann gähnt er: "Alles viel zu breit!"

    Doch wenn er selber etwas sucht,
    was ich aus Raumnot nicht verbucht,
    wirft er voll Stolz sich in die Brust,
    "Aha, das hat er nicht gewußt!"

    Man weiß, die Hoffnung wär zum Lachen,
    es allen Leuten recht zu machen.

  • Der Kreisel

    Ein Mensch hat einen Kreisel, rund,
    Bemalt in sieben Farben, bunt.
    Er peitscht ihn an, der Kreisel schwirrt,
    Bis schneller er und grauer wird...

    Soll unser Leben bunter bleiben,
    Darf mans nicht allzu munter treiben.

  • Ausnahme

    Ein Mensch fällt jäh in eine Grube,
    die ihm gegraben so ein Bube,
    Wie? denkt der Mensch, das kann nicht sein:
    Wer Gruben gräbt, fällt selbst hinein! -
    Das mag vielleicht als Regel gelten:
    Ausnahmen sind aber nicht selten.

  • Neu erstellte Beiträge unterliegen der Moderation und werden erst sichtbar, wenn sie durch einen Moderator geprüft und freigeschaltet wurden.

    Die letzte Antwort auf dieses Thema liegt mehr als 90 Tage zurück. Das Thema ist womöglich bereits veraltet. Bitte erstellen Sie ggf. ein neues Thema.