Wilhelm Busch

  • Die Selbstkritik


    Die Selbstkritik hat viel für sich.

    Gesetzt den Fall, ich tadle mich,

    So hab' ich erstens den Gewinn,

    Daß ich so hübsch bescheiden bin;


    Zum zweiten denken sich die Leut,

    Der Mann ist lauter Redlichkeit;

    Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen

    Vorweg den andern Kritiküssen;


    Und viertens hoff' ich außerdem

    Auf Widerspruch, der mir genehm.

    So kommt es denn zuletzt heraus,

    Daß ich ein ganz famoses Haus.

  • Der alte Förster Püsterich

    Der ging nach langer Pause

    Mal wieder auf den Schnepfenstrich

    Und brachte auch eine nach Hause.


    Als er sie nun gebraten hätt,

    Da tät ihn was verdreußen;

    Das Tierlein roch wie sonst so nett,

    Nur konnt er's nicht mehr beißen.


    Ach ja! So seufzt er wehgemut

    Und wischt sieh ab die Träne,

    Die Nase wär so weit noch gut,

    Nur bloß, es fehlen die Zähne.

  • Ich kam in diese Welt herein,

    Mich baß zu amüsieren,

    Ich wollte gern was Rechtes sein

    Und mußte mich immer genieren.

    Oft war ich hoffnungsvoll und froh

    Und später kam es doch nicht so.


    Nun lauf' ich manchen Donnerstag

    Hienieden schon herummer,

    Wie ich mich drehn und wenden mag,

    's ist immer der alte Kummer.

    Bald klopft vor Schmerz und bald vor Lust

    Das rote Ding in meiner Brust.

  • Sehr tadelnswert ist unser Tun,

    Wir sind nicht brav und bieder.

    Gesetzt den Fall, es käme nun

    Die Sündflut noch mal wieder.


    Das wär ein Zappeln und Geschreck!

    Wir tauchten alle unter;

    Dann kröchen wir wieder aus dem Dreck

    Und wären wie sonst, recht munter.

  • Immerfort

    Das Sonnenstäubchen fern im Raume,

    Das Tröpfchen, das im Grase blinkt,

    Das dürre Blättchen, das vom Baume

    Im Hauch des Windes niedersinkt -


    Ein jedes wirkt an seinem Örtchen

    Still weiter, wie es muß und mag,

    Ja, selbst ein leises Flüsterwörtchen

    Klingt fort bis an den Jüngsten Tag.

  • Von selbst

    Spare deine guten Lehren

    Für den eigenen Genuß.

    Kaum auch wirst du wen bekehren,

    Zeigst du, wie man's machen muß.


    Laß ihn im Galoppe tollen,

    Reite ruhig deinen Trab.

    Ein zu ungestümes Wollen

    Wirft von selbst den Reiter ab.

  • Vertraut

    Wie liegt die Welt so frisch und tauig

    Vor mir im Morgensonnenschein.

    Entzückt vom hohen Hügel schau ich

    Ins frühlingsgrüne Tal hinein.


    Mit allen Kreaturen bin ich

    In schönster Seelenharmonie.

    Wir sind verwandt, ich fühl es innig,

    Und eben darum lieb ich sie.


    Und wird auch mal der Himmel grauer;

    Wer voll Vertraun die Welt besieht,

    Den freut es, wenn ein Regenschauer

    Mit Sturm und Blitz vorüberzieht.

  • Versäumt

    Zur Arbeit ist kein Bub geschaffen,

    Das Lernen findet er nicht schön;

    Er möchte träumen, möchte gaffen

    Und Vogelnester suchen gehn.


    Er liebt es, lang im Bett zu liegen.

    Und wie es halt im Leben geht:

    Grad zu den frühen Morgenzügen

    Kommt man am leichtesten zu spät.

  • Verzeihlich

    Er ist ein Dichter, also eitel.

    Und, bitte, nehmt es ihm nicht krumm,

    Zieht er aus seinem Lügenbeutel

    So allerlei Brimborium.


    Juwelen, Gold und stolze Namen,

    Ein hohes Schloß im Mondenschein

    Und schöne höchstverliebte Damen,

    Dies alles nennt der Dichter sein.


    Indessen ist ein enges Stübchen

    Sein ungeheizter Aufenthalt.

    Er hat kein Geld, er hat kein Liebchen,

    Und seine Füße werden kalt.

  • Vielleicht

    Sage nie: Dann soll's geschehen!

    Öffne dir ein Hinterpförtchen

    Durch "Vielleicht", das nette Wörtchen,

    Oder sag: Ich will mal sehen!


    Denk an des Geschickes Walten.

    Wie die Schiffer auf den Plänen

    Ihrer Fahrten stets erwähnen:

    Wind und Wetter vorbehalten!

  • Niemals

    Wonach du sehnlich ausgeschaut,

    Es wurde dir beschieden.

    Du triumphierst und jubelst laut:

    Jetzt hab ich endlich Frieden!


    Ach, Freundchen, rede nicht so wild,

    Bezähme deine Zunge!

    Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt,

    Kriegt augenblicklich Junge.

  • Laß doch das ew'ge Fragen,

    Verehrter alter Freund.

    Ich will von selbst schon sagen,

    Was mir vonnöten scheint.


    Du sagst vielleicht dagegen:

    Man fragt doch wohl einmal.

    Gewiß! Nur allerwegen

    Ist mir's nicht ganz egal.


    Bei deinem Fragestellen

    Hat eines mich frappiert:

    Du fragst so gern nach Fällen,

    Wobei ich mich blamiert.

  • Beschränkt

    Halt dein Rößlein nur im Zügel,

    Kommst ja doch nicht allzuweit.

    Hinter jedem neuen Hügel

    Dehnt sich die Unendlichkeit.


    Nenne niemand dumm und säumig,

    Der das Nächste recht bedenkt.

    Ach, die Welt ist so geräumig,

    Und der Kopf ist so beschränkt.

  • Bewaffneter Friede

    Ganz unverhofft an einem Hügel

    Sind sich begegnet Fuchs und Igel.

    Halt, rief der Fuchs, du Bösewicht!

    Kennst du des Königs Order nicht?

    Ist nicht der Friede längst verkündigt,

    Und weißt du nicht, daß jeder sündigt,

    Der immer noch gerüstet geht?

    Im Namen seiner Majestät

    Geh her und übergib dein Fell.

    Der Igel sprach: Nur nicht so schnell.

    Laß dir erst deine Zähne brechen,

    Dann wollen wir uns weiter sprechen!

    Und allsogleich macht er sich rund,

    Schließt seinen dichten Stachelbund

    Und trotzt getrost der ganzen Welt

    Bewaffnet, doch als Friedensheld.

  • Der Schadenfrohe

    Ein Dornstrauch stand im Wiesental

    An einer Stiege, welche schmal,

    Und ging vorüber irgendwer,

    Den griff er an und kratzte er.

    Ein Lämmchen kam dahergehupft.

    Das hat er ebenfalls gerupft.

    Es sieht ihn traurig an und spricht:

    Du brauchst doch meine Wolle nicht,

    Und niemals tat ich dir ein Leid.

    Weshalb zerrupfst du denn mein Kleid?

    Es tut mir weh und ist auch schad.

    Ei, rief der Freche, darum grad.

  • Es spukt

    Abends, wenn die Heimchen singen,

    Wenn die Lampe düster schwelt,

    Hör ich gern von Spukedingen,

    Was die Tante mir erzählt.


    Wie es klopfte in den Wänden,

    Wie der alte Schrank geknackt,

    Wie es einst mit kalten Händen

    Mutter Urschel angepackt,


    Wie man oft ein leises Jammern

    Grad um Mitternacht gehört

    Oben in den Bodenkammern,

    Scheint mir höchst bemerkenswert.


    Doch erzählt sie gar das Märchen

    Von dem Geiste ohne Kopf

    Dann erhebt sich jedes Härchen

    Schaudervoll in meinem Schopf.


    Und ich kann es nicht verneinen,

    Daß es böse Geister gibt;

    Denn ich habe selber einen,

    Der schon manchen Streich verübt.

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