Joachim Ringelnatz

  • Überall


    Überall ist Wunderland.

    Überall ist Leben.

    Bei meiner Tante im Strumpfenband,

    Wie irgendwo daneben.


    Überall ist Dunkelheit.

    Kinder werden Väter.

    Fünf Minuten später

    Stirbt etwas für einige Zeit,

    Überall ist Ewigkeit.


    Wenn Du einen Schneck behauchst,

    Schrumpft er ins Gehäuse.

    Wenn Du ihn in Kognak tauchst,

    Sieht er weiße Mäuse.


  • Schenken


    Schenke groß oder klein,

    Aber immer gediegen.

    Wenn die Bedachten

    Die Gaben wiegen,

    Sei dein Gewissen rein.


    Schenke herzlich und frei.

    Schenke dabei

    Was in dir wohnt

    An Meinung, Geschmack und Humor,

    sodaß die eigene Freude zuvor

    Dich reichlich belohnt.


    Schenke mit Geist ohne List.

    Sei eingedenk,

    Daß dein Geschenk

    Du selber bist.

  • Logik

    Die Nacht war kalt und sternenklar,
    Da trieb im Meer bei Norderney
    Ein Suahelischnurrbarthaar. -
    Die nächste Schiffsuhr wies auf drei.

    Mir scheint da mancherlei nicht klar,
    Man fragt doch, wenn man Logik hat,
    Was sucht ein Suahelihaar
    Denn nachts um drei am Kattegatt?

  • Die Ameisen

    In Hamburg lebten zwei Ameisen,
    Die wollten nach Australien reisen.
    Bei Altona auf der Chaussee
    Da taten ihnen die Beine weh,
    Und da verzichteten sie weise
    Denn auf den letzten Teil der Reise.


    (Joachim Ringelnatz 1883-1934, deutscher Schriftesteller, Kabarettist und Maler)

  • Wenn die Schokolade keimt

    Wenn die Schokolade keimt,

    Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen

    "Glockenklingen" sich auf „Lenzesschwingen"

    Endlich reimt

    Und der Osterhase hinten auch schon presst,

    Dann kommt bald das Osterfest.


  • Frühling

    Die Bäume im Ofen lodern.

    Die Vögel locken am Grill.

    Die Sonnenschirme vermodern.

    Im übrigen ist es still.


    Es stecken die Spargel aus Dosen

    die zarten Köpfchen hervor.

    Bunt ranken sich künstliche Rosen

    in Faschingsgirlanden empor.


    Ein Etwas, wie Glockenklingen,

    den Oberkellner bewegt,

    mir tausend Eier zu bringen,

    von Osterstören gelegt.


    Ein süßer Duft von Havanna

    verweht in ringelnder Spur,

    ich fühle an meiner Susanna

    erwachende neue Natur.


    Es lohnt sich manchmal, zu lieben,

    was kommt, nicht ist oder war.

    Ein Frühlingsgedicht, geschrieben

    im kältesten Februar.


  • Ein ganzes Leben

    "Weißt Du noch“, so frug die Eintagsfliege,

    abends, "wie ich auf der der Stiege

    damals dir den Käsekrümel stahl?"

    Mit der Abgeklärtheit eines Greises

    sprach der Fliegenmann: "Gewiss ich weiß es!"

    Und er lächelte: "Es war einmal..."


    "Weiß Du noch", so fragte sie,

    "Wie ich damals unterm Knie

    jene schwere Blutvergiftung hatte?".

    "Leider" sagte halb verträumt der Gatte.


    "Weißt du noch, wie ich, weil ich Dir grollte,

    Fliegenleim-Selbstmord verüben wollte??

    Und wie ich das erste Ei gebar??

    Weißt du noch wie es halb sechs Uhr war??

    Und wie ich in Milch gefallen bin?? "


    Fliegenmann gab keine Antwort mehr,

    summte leise vor sich hin:

    "Lang, lang ist´s her - lang ".


  • Ob ich Biblio- was bin ?

    Ob ich Biblio- was bin ?

    Phile? "Freund von Büchern" meinen Sie ?

    Na, und ob ich das bin !

    Ha ! und wie !


    Mir sind Bücher, was den anderen Leuten

    Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,

    Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten.

    Meine Bücher --- wie beliebt ? Wieviel ?


    Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.

    Bitte, doch mich auszureden lassen.

    Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal

    Halb imstande ist zu fassen.


    Unterhaltung ? Ja, bei Gott, das geben

    Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur

    Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben ---

    Hei ! das gibt den Muskeln die Latur.


    Oh, ich mußte meine Bücherei,

    Wenn ich je verreiste, stets vermissen.

    Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,

    Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.


    Ja natürlich auch vom künstlerischen

    Standpunkt . Denn ich weiß die Rücken

    So nach Gold und Lederton zu mischen,

    Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.


    Äußerlich ? Mein Bester, Sie vergessen

    Meine ungeheure Leidenschaft,

    Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.

    Bücher lasten, Bücher haben Kraft.


    Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,

    Und Sie fragen etwas reichlich frei.

    Auch bei andern Menschen als Barbaren

    Gehen schließlich Bücher mal entzwei.


    Wie ? - ich jemals auch in Büchern lese ??

    Oh, sie unerhörter Esel---

    Nein, pardon! - Doch positus, ich säße

    Auf dem Lokus und Sie harrten

    Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur

    Ja nicht länger auf mich warten.

    Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,

    Den man abseits ohne Zeit und Uhr

    Düngt und erntet dann Literatur.


    Bücher - Nein, ich bitte Sie inständig:

    Nicht mehr fragen ! Laß dich doch belehren !

    Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig

    Handsigniert sind, soll man hochverehren.


    Bücher werden, wenn man will, lebendig.

    Über Bücher kann man ganz befehlen.

    Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,

    Und die Seelen können sich nicht wehren.


  • Landregen

    Der Regen rauscht. Der Regen

    Rauscht schon seit Tagen immerzu.


    Und Käferchen ertrinken

    Im Schlammrinn an den Wegen. - -

    Der Wald hat Ruh.

    Gelabte Blätter blinken.


    Im Regenrauschen schweigen

    Alle Vögel und zeigen

    Sich nicht.


    Es rauscht urewige Musik.


    Und dennoch sucht mein Blick

    Ein Streifchen helles Licht.

    Fast schäm ich mich, zu sagen:

    Ich sehne mich nach etwas Staub.


    Ich kann das schwere, kalte Laub

    Nicht länger mehr ertragen.


  • Das Samenkorn

    Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,

    die Amsel wollte es zerpicken.


    Aus Mitleid hat sie es verschont

    und wurde dafür reich belohnt.


    Das Korn, das auf der Erde lag,

    das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.


    Jetzt ist es schon ein hoher Baum

    und trägt ein Nest aus weichem Flaum.


    Die Amsel hat das Nest erbaut;

    dort sitzt sie nun und zwitschert laut.

  • Melancholie

    Von weit her Hundebellen

    Klingt durch die nächtliche Ruh.

    Es spülen die schwarzen Wellen

    Mein Boot dem Ufer zu.


    Die blauen Berge der Ferne

    Winken am Himmelssaum.

    Auf in den Lichtbann der Sterne

    Trägt mich ein Traum.


    Stumm ziehen wilde Schwäne

    Über das Wasser hin.

    Mir kommt eine müde Träne.

    Ich weiß nicht, warum ich so bin.

  • Im Park

    Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum

    Still und verklärt wie im Traum.

    Das war des Nachts elf Uhr zwei.

    Und dann kam ich um vier

    Morgens wieder vorbei,

    Und da träumte noch immer das Tier.


    Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –

    Gegen den Wind an den Baum,

    Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.

    Und da war es aus Gips.

  • An meinen Lehrer

    Ich war nicht einer deiner guten Jungen.

    An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat

    Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.

    Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.


    Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens

    An meinem Bau geformt und dich gemüht.

    Du hast die besten Werte meines Lebens

    Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.


    Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.

    Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.

    Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue

    Nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.

  • Der Geliebten

    Such nicht der Sorge mattes Grau.

    Ist nicht die Jugend ein funkelnder Tau?

    Gleichen nicht schöne Gedanken

    Roten Rosen an wilden Ranken?

    Ist nicht die Hoffnung bunt und reich,

    Weiten, blumigen Wiesen gleich?


    Wir flechten uns Lauben aus Ranken und Rosen

    Auf taufrischen Wiesen zum Küssen, zum Kosen.

    Dort wollen wir wandeln, wir ganz allein.

    Dort wollen wir König und Königin sein.

  • Die sonnige Kinderstraße

    Meine frühe Kindheit hat

    Auf sonniger Straße getollt;

    Hat nur ein Steinchen, ein Blatt

    Zum Glücklichsein gewollt.


    Jahre verschwelgten. Ich suche matt

    Jene sonnige Straße heut

    Wieder zu lernen, wie man am Blatt,

    Wie man am Steinchen sich freut.

  • Tiefe Stunden verrannen

    Tiefe Stunden verrannen.

    Wir rührten uns nicht.

    In den alten Tannen

    Schlief ein Gedicht.


    Stieg ein Duft aus dem Heu,

    Wie ihn die Heimat nur haucht. – –

    Sahst du das Reh, das scheu

    Dort aus dem Duster getaucht?


    Wie es erst fremd und bang

    Sich die Stille beschaute,

    Leise sich näher getraute

    Und jäh entsprang – –!


    Weißt du, wir schwiegen und sannen:

    Kommt es wohl wieder?

    Und wir senkten die Lider.

    Tiefe Stunden verrannen.

  • Die Badewanne

    Die Badewanne prahlte sehr,

    sie hielt sich für das Mittelmeer.

    Und ihre eine Seitenwand,

    für Helgoländer Küstenwand.


    Die andre Seite gab sie an,

    sei das Gebirge Hinterstan.

    Und ihre große Rundung sei,

    bestimmt die Delagoa Bay.


    Von ihrem schmalen Ende vorn,

    erklärte sie, es sei Kap Horn.

    Den Kettenzug am Regulator,

    hielt sie sogar für den Äquator.


    Sie war, nicht wahr, das merken sie,

    sehr schlecht in der Geografie.

    Dies eingebildete Bassin

    es wohnte im Quartier Latin.

  • Der Briefmark


    Ein männlicher Briefmark erlebte

    Was Schönes, bevor er klebte.

    Er war von einer Prinzessin beleckt.

    Da war die Liebe in ihm geweckt.


    Er wollte sie wiederküssen,

    Da hat er verreisen müssen.

    So liebte er sie vergebens.

    Das ist die Tragik des Lebens.

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